Klammeraffe

Hab ich mich die Tage noch gedankenmäßig damit beschäftigt daß ich mit Berührungen so eher gar keine Probleme habe, haut mich der Alltag grade mit diesem Thema aus der Bahn. Das Tochterkind war 3 Tage auf Kindergartenfahrt und klebt nun natürlich wo wir uns wiederhaben ganz enorm an mir. Sie klammert sich extremst fest, und läßt seit Stunden meinen Arm nicht mehr los. Ich kenn solche Aktionen schon von ihr. Mir war sowas vorher nie unangenehm, aber heute habe ich das Gefühl es am liebsten gewaltsam abschütteln zu wollen. Ich bekomme regelrecht Aggressionen die in mir aufsteigen und versuche als liebende Mutter natürlich alles zu geben, um es mir nicht anmerken zu lassen. Sanftes bitten, mich mal einen Augenblick loszulassen, Bestechungsversuch daß sie mal ein Eis aus dem Kühlschrank holen dürfe oder selber kurz mal rauszugehen fruchten leider nicht. Sie läßt nicht los und ich fühle mich so schuldig daß ich das grade so widerlich finde, wo es ihr anscheinend auch grade nicht wirklich gut geht. Das fühlt sich so krass an, das kannte ich so in der Art noch nicht von mir und ich weiß nicht so recht wie ich damit umgehen soll. Ich brauche ganz dringend ein Ventil, daher schreibe ich es jetzt einfach mal auf, in der Hoffnung daß es hilft.

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Wie war das nochmal mit dem Körperkontakt?

Da sind sie wieder die Worte, denn ich habe ein Thema über das ich schon ganz lange mal schreiben wollte.

Wer hat eigentlich behauptet, Autisten darf man nicht berühren? Kein Wunder daß daraus irgendwann die Mär entsteht daß die auch keinen Sex haben. Ich kenne natürlich einige, die sich da durchaus schwerer tun als ich aber dennoch gilt auch da wieder der Satz: Kennste einen Autisten, kennst du aber auch grade einmal einen. Hey, es gibt auch Normalos die dieses oder jenes nicht mögen. Schließt man deshalb immer gleich auf alle Menschen???

Ich kann natürlich immer nur ausschließlich für mich sprechen und mein Empfinden wiedergeben, aber vielleicht sollte man auch mal jemand berichten der einfach durchaus gerne kuschelt mit allem drum und dran.

Ja, ich habe durchaus sehr gerne Körperkontakt, kuschel für mein Leben gerne und habe auch gerne Sex. Aber nur wenn dieser Körperkontakt freiwillig ist und von mir innerlich quasi ersteinmal offiziell einem anderen gegenüber genehmigt wurde. Das muß nicht immer ewig verbal abgestimmt worden sein und bedarf auch nicht immer tiefster innigster Freundschaft, aber irgendwie gibt es manchmal zwischen 2 Menschen eine Art stumme Übereinkunft daß es völlig okay ist und dann ist es auch wirklich okay. Eine Art Passierschein den man einmal ausstellt und der dann immerwährend gilt. Menschen die mir sehr nahe stehen, mein Mann, mein Freund, mein Kind, meine verschiedensten Freunde dürfen mir daher jederzeit ungefragt nahe sein. Sie dürfen mich spontan umarmen, dicht neben mit sitzen, mir in den Haaren rumwuscheln, mit mir kuscheln oder was auch immer. Ich bin da völlig entspannt. Ich brauch das gradezu diese körperliche Nähe zum Wohlfühlen und genieße es dann auch sehr. Ich könnte zB. ewig mit anderen rumkuscheln und frag mich schon länger warum man das eigentlich so selten mit Freunden macht.

Aber es gibt natürlich auch Dinge aus dem Bereich die ich als sehr unangenehm empfinde. Das geht eigentlich schon damit los, wenn Wildfremde, Arbeitskollegen oder Menschen die ich nicht mag in meinen persönlichen Schutzradius ungefragt eindringen. Wobei, ich habe eigentlich nicht nur einen sondern mehrere imaginäre Kreise um mich herum. Eigentlich sind es eher Ovale als Kreise, die an den Seiten schmaler sind als vorne und hinten. Seitlich darf man mir also minimal näher kommen als von vorne oder hinten. Der ganz innere allerintimste Kreis liegt je nach Tagesform so durchschnittlich irgendwie im Radius bei 50cm-1m um mich herum. Da darf wirklich nicht jeder rein und jedes absichtliche Eindringen erzeugt in mir Angst mit einer Art panischen Fluchtreaktion oder auch manchmal immense Wut und Aggression gegen diesen Menschen. Da reicht es schon, wenn ich Menschen zur Verabschiedung umarmen muß bei denen ich das sonst nie tue. Wie gesagt, Menschen mit einer Art von mir ausgestelltem Passierschein lösen rein gar nichts aus. Im Gegenteil, manchmal ist es sehr schön sich so nahe zu sein.

Dann gibt es noch eine Art Zweitradius bei umrum 3-5m. Irgendwie ist das so eine Standart Zimmergröße. Da gerät man als anderer Mensch im Alltag natürlich schon mal schneller rein. Seie es beim vorbeilaufen an einer Person auf der Straße, beim betreten eines Busses oder beim zusammenarbeiten mit Kollegen. Da macht die Dosis das Gift. Eine mir bisher unbekannte Anzahl X an Personen in diesem Kreis am Tag ist schon völlig okay. Es ist nicht wirklich toll, aber es ist okay. Es ist mir natürlich immer noch irgendwie unangenehm und könne ich wählen würde dieser Bereich auch immer frei bleiben von fremden und doofen Menschen, aber ich ertrage es durchaus über den Tag recht gut in normalen Mengen. Habe ich aber einen Tag an dem ich mich morgens schon nach dem Gewusel im Kindergarten durchs überfüllte Einkaufszentrum schiebe um nachmittags in einem vollen Wartezimmer eines Arztes zu sitzen,  reicht meine Kraft zum ertragen kaum mehr aus für den Rückweg mit dem Bus und ich lande in einem Overload.

Also immer schön gucken daß man von Anfang an die Menge so gering wie möglich hält um für den Tag mit all seinen ungeplanten Überraschungen noch Kapazitäten nach oben hin offen zu haben. Ich gehe im Kindergarten nun immer im ruhigen und leeren Hintereingang rein, statt quer durch zu laufen und auf zig Menschen zu treffen. Ich fahre Auto statt Nahverkehr, ich bemühe mich soweit möglich nur eine größere Aktion am Tag zu machen. Also entweder Arzt, oder Einkaufen.

Naja und solange man sich von Idioten fern hält und vermehrt mit tollen Menschen mit Passierscheinen beisammen ist, dann klappts auch mit dem kuscheln und niemand merkt daß ich manchmal ganz heimlich und tief in mir drin ein Problem damit habe- nichtmal ich.

Also bei mir ist das zumindest so.

*mal alle Leser virtuell durchknuddel*