Overload, Meltdown, Shutdown

Ich habe vor kurzem erst erfahren daß es neben Overload auch sowas wie Meltdowns, Shutdowns und so gibt.
Ich habe erstmalig darüber bei gelesen. Seitdem muß ich immerzu darüber nachdenken. Hätte ich Anfangs noch behauptet das nicht zu kennen, sehe ich das nach einiger Nachdenkzeit genau anders.
Natürlich kenne ich das und das leider viel zu gut.
Deshalb möchte ich einfach mal darüber schreiben, wie sich das bei mir im unterschied zu anderen gestaltet, bzw. wie ich es verstehe.

Der Overload

Ich habe manchmal das Gefühl daß eigentlich fast jeder Tag einen kleinen Overload für mich bereit hält. Ich bin ja generell extrem reizoffen. Das betrifft nicht nur die Dinge die man hören, sehen, schmecken, riechen und fühlen kann, ich hab auch sowas wie ein Sinnenssystem was irgendwie in die Köpfe und Psychen von Menschen gucken kann. Ich habe für alles was auf mich einströmt einfach keinerlei Filter. Alles ist immer gleich bedeutsam und muß aufwändig verarbeitet werden. Ich habe Freunde oft gefragt was sie wahrnehmen während sie im Wohnzimmer still sitzen und an die Wand gucken. Da kam dann oft sowas wie, die Vögel zwitschern und die Wand ist weiß, mehr drängte sich nicht in den Vordergrund. Müßte ich auf diese Frage antworten, würde es sicher ewig lange dauern all das aufzuzählen was ich alles als bedeutsam wahrnehme. Also alles ist ungefähr gleich präsent und das zur gleichen Zeit. Das verbraucht echt viel Energie im Hirn und dabei hab ich noch nichts bedonderes getan außer nur dazusitzen.  Ein kleiner Auzug meiner Antwort wäre: Hören: Ich höre mich atmen, das Blut rauschen, das Herz klopfen, die Haare rascheln wenn ich mich umdrehe und das Geräusch was mein Schal an meinem Hals dabei macht, das knacken im Rücken, es schmatzt in meinem Mund obwohl ich den eigentlich stillehalte, die Autos rauschen, ich höre ein Kind, ganz viele Vögel, die schnarchende Katze, das Radio des Nachbarn….

Sehen: ich sehe Tapete mit interessanten Nuppsies drauf, Farben die sich gegenseitig beeinflussen, zueinander passen oder eben nicht, Muster, ich sehe jedes Detail in den Regalen, den wackelnden Fliegenfänger, die flimmernde Luft über der Heizung, ich sehe die einzelnen Holzstreifen des Laminats, jeden Fussel auf der Decke, Unebenheiten im Holz des Tisches… (btw. ich kann all dies binnen Bruchteilen von Sekunden sehen. Mein Mann staunte mal, als wir mit dem Rad an der offenen Tür eines Ferienhauses das wir auch gerne mal buchen wollten relativ zügig vorbeifuhren. Ein kurzer Millisekunden-Blick und ich hatte wirklich alles abgescannt und konnte jedes noch so kleine Detail wiedergeben. Mein Mann sah nur eine offene Tür. Manchmal ist es echt praktisch, um Veränderungen schnell wahrnehmen zu können um drauf zu reagieren)

Fühlen: Ich fühle meine unterschiedlichen Klamotten am Leib, den Untergrund auf dem ich sitze und wo er mich berührt, ich spüre daß meine Arme am Körper anliegen, die Uhr, den Ehering, die Finger die aneinander reiben, daß mein Rücken zwackt, meine Augen klimpern, wie sich mein Brustkorb wölbt beim atmen…

Und dann gibt es noch diesen Sinn, den ich nicht benennen kann.(Nein, ich bin kein Esoteriker, aber bei dem was ich da manchmal schräges wahrnehme könnte ich manchmal glatt einer werden. Das ist echt soooo krass)

Ich spüre wie die Nachbarn (die ich gar nicht sehe) drauf sind, vor allem negatives spüre ich durch viele Wände hindurch und kann es auch konkret benennen. Ich spüre Müdigkeit, Neid, Verzweiflung, Fassaden…Dazu schreib ich vielleicht später mal was.

All diese Dinge verarbeitet mein Hirn gleichzeitig und gleich intensiv. Es hat aber nur eine begrenzte Kapazität, auch wenn diese wahrscheinlich schon im Vergleich zu anderen enorm groß zu sein scheint. Eigentlich kein Wunder daß irgendwann mal die Luft raus ist. Und dieses Luft raussein nenne ich Overload. Ich will nicht mehr wahrnehmen, spüren, hören oder sehen. Der Punkt an dem es zuviel war wurde dann erstmalig erreicht. Nun muss ich in eine möglichst reizarme Umgebung und dann tankt mein Hirn wieder etwas Kraft auf. Das kann manchmal sogar richtig schnell gehen. Vor allem wenn es mir seelisch und körperlich eigentlich ganz gut geht, ist der Akku auch schneller wieder voll als wenn es mir schlecht geht. Geht es mir gut, reicht manchmal sogar schon ein Klogang. Ich sitze dann meist auf dem Klo, halte mir die Ohren zu und starre an die meist weiße Wand und mache einfach nix. Also relativ overloadfrei komme ich durchs Leben wenn ich einigermaßen drauf achte genug zu essen, trinken, Schlaf, Licht und Luft zu haben, mir genug winzige Verschnaufpausen in reizarmer Umgebung hole und meine Seele eher fröhlich drauf ist. Eine Sache die auch immer hilft ist der Alkohol. Trinke ich etwas, scheinen all meine Wahrnehmungssysteme gedämpft zu sein und ich nehme alles nicht mehr so massiv wahr und das macht es einfacher zu ertragen. Allerdings habe ich grade für mich entdeckt, daß das die falsche Methode ist, wenn auch eine funktionierende. Denn durch das Abdämpfen der Sinne, spürt man auch nicht wann es eigentlich genug an Reizen ist und nimmt diesen Overload manchmal gar nicht wahr und sorgt nicht für Regeneration. Aus diesem Grund oder wenn ich nicht wegkann/wegwill komme ich dann in eine Art negative Spirale rein.

zB. in den Meltdown

Den habe ich tatsächlich oft unter Alkoholeinfluß (nicht stockbesoffen wohlgemerkt, maximal leicht angetüddelt) kombiniert mit nichtregeneriertem Overload und einem entsprechenden Triggerreiz. Ganz oft ist dieser Triggerreiz meine Mutter. Also wenn jemand meine Mutter in Schutz nimmt. Dann sind Sätze wie sie hat es ja auch echt schwer gehabt, sei nicht so böse zu ihr, eigentlich ist sie ja ne ganz nette, oder der Todessatz: du wirst ihr immer ähnlicher die absolute Todesfalle. Ich keife dann wild um mich, heule, schreie, sage böse Sachen, lüge, betrüge, verletze Menschen verbal und was sonst noch die komplette Emobox in mir sonst immer brav verschlossen hält. Und wehe mich hält dabei jemand auf. Dann sind alle nur noch Feinde und wenn es nötig ist, wehre ich mich auch unter kreischen körperlich mit Händen und Füßen. Meist setzt da am Anfang schon oft das Hirn aus und ich kann mich hinterher schwerlich erinnern was da eigentlich passiert ist und warum. Oft sind es nur Sitzationsfetzen die ich später erinnern kann und es ist mir daher voll peinlich und ich weiß nicht wie ich hinterher reagieren soll, weil ich ja nicht weiß was eigentlich passiert ist. Muss man sich entschuldigen oder vielleicht nicht? Sind die jetzt sauer, haben sie es selber kaum mitbekommen? Fragen mag ich  nie. Ich versuche dann immer mir aus Reaktionen der anderen und Wortfetzen herauszufinden was eigentlich passiert ist. Seltenst komme ich aus einem Meltdown wieder runter, aber es geht. Das braucht allerdings jemanden der mich aus der Situation radikal rausnimmt (das lasse ich selten zu wenn ich mich erstmal festgebissen habe) und mir Bewegung (spazieren) und reizarme Bewegung verschafft. Aber wie gesagt, das klappt selten.

Immer endet mein Meltdown mit einen Shutdown. Bei mir ist es einfach ein abschalten aller Systeme. Zapp und aus. Ich fall dann um und schlaf wahrscheinlich ein. Der totale Blackout. Was ich da wirklich mache, keine Ahnung. Irgendwie lag ich meistens abends schon eher im Bett als auf dem Fußboden. Aber wie ich dahingekommen bin bleibt mir jedesmal ein Rätsel. Ich tippe mal auf Hilfe von meinem Mann, der meist dabei ist. Wobei, wenn ich drüber nachdenke was er erzählt falle ich gar nicht um, sondern funktioniere weiter. Ich rede, kann gehen und sogar noch Dinge regeln (Handy ins ladekabel stecken vorm schlafengehen). Ich bin aber nicht mehr anwesend. Ich traue mich nicht, ihn zu fragen. Ich schäme mich so schrecklich. Ich bin ein Kontrollmensch und soooo die Kontrolle zu verlieren und dann nichtmal zu wissen was passiert ist kann ich ganz schwer ertragen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Situationen fallen mir ein. Als Jugendliche bin ich zb. immer aus unerklärlichen Gründen umgefallen. Füße hochlegen hat nie geholfen. Abseits in der Ecke sitzen schon. Vorher gab es immer einen Tunnelblick und es passierte fast immer auf Konzerten oder in Diskotheken in Menschenmengen. Ich hab es damals auf Kreislauf oder Alkohol geschoben, aber so langsam sehe ich es aus einer anderen Perspektive.

So, ich les das jetzt nicht nochmal auf Korrektur durch. Bin grade zu aufgewühlt, denn es ist ein absolutes Tabuthema was ich hier öffentlich mache. Fehler zu haben und nicht korrekt zu funktionieren ist heute immer noch ein großes Thema bei mir mit heftigen Reaktionen. Trotzdem, schreiben hilft beim denken. immer und immer wieder

Gedanken zur Nacht…

Mir wird grade bewußt, wie schnell eigentlich Menschen bei mir wegen irgendwelcher offensichtlich als normal angesehenen unbedeutsamen Kleinigkeiten untendurch sind. Ebenso einfach ist es allerdings auch wiederrum, in meine Gunst zu fallen.

Mal ist es die Mutter, die mir (mit meinem plastikfreien Haushalt und passioniertem Selberschnippler) beim geliebten Kräuterhacken erzählen will wie toll doch dieses oder jene Gerät von Tupper seie zum Kräuterschneiden und nicht locker läßt es mir anzupreisen um mich auf ihre nächste Tupperparty einzuladen.

Mal ist es die Frau die auf der Straße elendigst nach dem neuesten superteuren Parfüm stinkt, manchmal ist es sogar nur die reine Weichspülerbenutzerin. Ich mag Menschen mit bestimmten Schuhen und Klamotten nicht, ich mag es nicht wenn sie komische Worte sagen, eine fiese Stimme haben oder, oder, oder

Aber genausoschnell schließe ich Menschen in mein Herz die zwar total anders sind als alle anderen, aber irgendwie die ein oder andere spezielle Eigenart haben. Generell liebe ich Menschen, die irgendwie anders sind als die breite Masse. Da ist es fast schon egal ob sie Autisten, Rockabillys, Punks, kreative Chaoten, Gothics, Ökos, Andersdenker, Musiker, Künstler oder Selbstversorger sind. Mir reicht meist ein einziges offensichtlich unbedeutsames Indiz einer Andersartigkeit oder eines Andersdenkens. Das fällt mir meist sofort auf und ich spüre sowas wie einen Sympathievorschuss für diese Menschen. Die meisten dieser „anderen“ mag ich irgendwie automatisch schon nur alleine wegen der Andersartigkeit…selbst wenn sie Weichspüler benutzen sollten

Insofern, be different!