Wie kann ein Mensch das ertragen?

Ich bin seit 6 Tagen am Stück richtig doll krank, anders krank als ich es von mir so kenne und ich vermute daß es eine Art von Overloadreaktion ist. Ich habe seit all diesen Tagen durchgängig schmerzhaften Husten des Todes, mit übler Atemnot, akutem Schlafmangel denn ich schlafe keine Stunde ohne von Hustenanfällen wach zu werden und fast zu kotzen, ich habe am ganzen Körper an jeder Stelle die er so hat sehr starke Schmerzen, Fieber und dazu eine unwahrscheinliche Reizoffenheit. Ich bin sonst immer irgendwie anders krank und nie so lange so doll an so vielen Tagen hintereinander. Diesmal ist anscheinend mein Körper so richtig auf Schmollkurs mit mir, weil ich mir einfach unwahrscheinlich viel zumute seit Tagen. Shutdownfrei, Meltdownfrei und freiwillig wie gesagt.

Seit 11 Tagen mache ich ganz freiwillig jeden einzelnen Tag zu einem potentiellen Overload-Shutdown Tag mit größeren Aktionen. Normalerweise würde mich jeder einzelne Tag schon ins off schießen am Abend. aber ich halte irgendwie durch und manchmal frage ich mich warum und wie.  Ich würde sagen jede einzelne Tag, jede Begegnung war es absolut wert, aber nun kommt halt anscheinend die Endabrechnung. Ich schreib euch mal, was so die Tage passierte:

Tag 1:

Mein für ein paar Tage Twitterbesuch den ich noch nie persönlich traf an vom Flughafen abgeholt, sich gegenseitig beschnuppert, sich für supernett befunden, mit dem Auto ans Meer gefahren, viel gequatscht, viel gesehen, gekocht, gegessen, getrunken

Tag 2:

Sightseeing in Hamburg mit dem Besuch und dem teuersten Fischbrötchen von der Welt (also psychisch gesehen, absolut overloadschreiende Butze in der wir beide lange auf unser Brötchen warten mußten) Vorbereitungen für das morgige Twittertreffen bei uns. Immer noch nicht 1 Sekunde alleine gewesen. Das war supernett, aber für jemanden der ständig mal ne Pause von Menschen braucht echt anstrengend. Danach noch Kraftwerkkonzert obendrauf.

Tag 3:

Sightseeing mit Besuch in Stade und am Elbstrand, diverse Twitterer kamen Abends zu Besuch zum „Tweuer“. Ich habe den ganzen Tag nebenher noch Soljanka mit und ohne vegan gekocht, alles vorbereitet viel geplant und dann kam alles anders als vorgestellt. Wer mich kennt weiß wie sehr mich Planungsvorgänge unter Anwesenheit von Menschen auslaugen. Abends war komische Stimmung, keine Ahnung warum aber mein „Menschenrauschsinn“ hatte viel zu tun und mitzufühlen warum es jedem einzelnen grade nicht gefällt und so. Habe versucht theatralisch alle doofs von allen Seiten aufzufangen und abzumildern und mich glaub ich viel zu sehr verausgabt dabei und zum Kasper gemacht. Hab ich mir natüüüüüüürlich hinterher gleich wieder vorgeworfen.

Tag 4: Kopfwehtag, nochmal gemeinsames Sightseeing in Hamburg mit Hafencity und Speicherstadt, Essen gegangen, Besuch zum Flughafen gebracht, Chaos zu Hause beseitigt, ins Bett gefallen trotzdem vor lauter Krank kaum geschlafen.

Tag 5: durch die vielen geplanten freien Tage habe ich extrem viele Patienten vor- und nacharbeiten müssen. Unausgeschlafen und krank. Das war superanstrengend. Gleichzeitig Planung und Vorbereitung des morgigen Kindergeburtstages auf absolutem Overloadrandstatus (jaaaa, wieder Planungsirrsinn!!!) Kind abgeholt, Entdeckung der gehässig abgeschnittenen Haare der Tochter, krank mit Fieber und Sorgen vor den kommenden Tagen.

Tag 6:

Früh aufgestanden zur Vorbereitung, Kindergeburtstag mit vielen sehr lauten bockigen, streitenden, genervten unerzogenen Kindern, zuvielen Erwachsenen die ebenso belustigt werden wollten, zu allem ihren Senf dazu gaben, einer nur noch robotermäßig funktionierenden Frau Anders und natürlich „meiner Mutter“. Trotz krank hab ich mich wacker geschlagen, war aber Abends total im Arsch. Krank ja wie schon erwähnt sowieso. Quasi so nebenbei.

Tag 7:

Nochmal Kindergeburtstag mit den kleineren Kindern von Nachbarn und Freunden, weil mein Kind gebettelt hat nur mit den großen zu feiern am eigentlichen Geburtstag. Mir geht es richtig arg dreckig, aber okay. Feiern wir halt nochmal mit Kindern und Menschen. Ich mache gute Miene zu bösem Spiel. Dem Kind zuliebe.

Tag 8:

Ich muß noch ganz viele Patienten abarbeiten um morgen am Geburtstag des Gatten frei haben zu können. Ich bin immer noch sehr krank, aber wenn ich heute noch durchhalte hab ich 3 Tage am Stück zur Belohnung frei. Das motiviert mich sehr. Also ordentlich mit Grippemitteln gedopt und durch. Danach Einkaufen, Geburtstagsvorbereitungen für den Gatten und viele Sorgen, weil ich ja so krank bin und alle Planungen für den morgigen Tag dahin sind. (Wir wollten das Kind in die Kita stecken und schön zusammen in die Sauna zum entspannen). Ich möchte meinem Mann soooo gerne einen schönen Tag machen, scheitere aber heute schon am Kuchenbacken so schlecht geht es mir. Mach ich halt morgen sage ich mir. Abends irgendwie bis 12 Uhr wach geblieben um in Ruhe wenigstens kurz anzustoßen.

Tag 9:

Gattengeburtstagstag. Ich könnte nur noch heulen, weil ich einfach nix mehr hinbekomme und doch so gerne möchte. Ich hab den doch so unwahrscheinlich lieb und möchte ihm so gerne einen ebenso wundervollen Geburtstag machen wie der Tochter, aber ich KANN einfach nicht. Der Körper versagt, ist 0 belastbar, fiebert und keucht. Ich versaue den Kuchen, wir machen nichts statt schöner Sachen und ich mache mir unwahrscheinlich arge Vorwürfe daß ich im Bett liege und er an seinem Geburtstag sogar noch einkaufen und den eigenen Geburtstagskuchen fertig machen muß. Abends raffe ich mich mit letzter Kraft auf, mit ihm und seinen Eltern wenigstens essen zu gehen. Zum Glück saßen wir in einer ruhigen Ecke. Trotzdem keimt die Angst vor den kommenden Tagen auf, weil ich weiß was da noch sein wird und der Akku leer ist. Ich will nur noch im Bett liegen und schlafen. Mich verziehen, keine Menschen mehr sehen.

Tag 10:

Unsere lieben Freunde aus Berlin, extrem laut, polterig, absolut überfordertgenervt mit 2 unwahrscheinlich lauten dauerheulenden unerzogenen Kindern fallen ein um sich ein paar Tage bei uns einzuquartieren und die Bude zu zerstören. Super Ding in meinem jetzigen Zustand. Schade wenn man die Freunde nie wieder ohne Kinder zu sehen bekommt. Ich ertrage die wirklich nur noch ohne ihre Kinder. Wir erfahren daß sie nicht morgen wieder fahren, sondern bis Montag hier bleiben wollten. Abends kommen noch diverse Gäste (auch wieder zT. mit Kindern, aaaaaaargh!!!!) dazu um gemeinsam den Gattengeburtstag zu feiern. Während die ruhigen, netten, älteren Kinder irgendwann friedlich ins Bett gingen und auch sonst lieb und unkompliziert waren, wurden die Schreikinder künstlich wach gehalten und nervten die ganze Nacht weiter. Natürlich wurden auch Sachen komplett verschokoladet und vollgekotzt.  Ich weiß nicht wie ich das weiter ertragen soll. Dann noch wuselige überforderte randgenervte Erwachseneneltern die über nichts anderes reden als Kinderthemen wie Kacke und Windeln. Die Kinderlosen haben zum größten Teil leider abgesagt oder sind ohne Absage einfach nicht erschienen 😦  Dazu das „Dauerrauschen“ der einzigen anwesenden ebenso hochsensiblen Kinderhasser über deren Anwesenheit ich mich eigentlich sehr gefreut habe. Die konnten das Wirrwarr und das Dauergekreische wie ich nicht ertragen, dann wurden zugekackte Kinder genau neben ihren übersensiblen Nasen auf dem Sofa gewickelt. Ich will keinen Ton mehr hören, befürchte komplett durchzudrehen und greife zum Alkohol, weil der meine Sinne etwas zu betäuben vermag und will nur noch weg. Herr Wuff schlief leider demonstrativ und ließ sich zu keinem Spaziergang mehr verleiten. Und statt daß ich mal kurz abhauen kann, hauten spontan alle Nichteltern fluchtartig ab und verließen mich quasi. Also weiter mit den Muttis und Vatis. Ätz. Ich versuche nebenher tunnelblickartig zumindest die Stiefel mit Nikolaussachen für morgen zu füllen um ein Minimum der wirklich wichtigen Sachen des Tages noch zu leisten. Alles natürlich immer noch mit quälendem Husten, teilweise Fieber und so. Irgendwann war ich sogar im Bett und alle waren ruhig. Ein Wunder!

Tja, heute ist Tag 11. Ich habe schon einen lauten Vormittag voller lautem polterigen Menschengewusel hinter mir. Den Gatten habe ich grade mit dem Besuch weggeschickt zu einem Ausflug. Morgen…morgen reisen alle ab, ich muß arbeiten und sonst geht alles seinen Gang. Ich freu mich ja schon soooo sehr darauf. Und statt daß ich mich jetzt ins Bett haue zum Genesen (ich muß ja schließlich morgen wieder arbeiten und bei unserer derzeitigen Geldnot wäre das wirklich wichtig) muß ich einfach mal zur Selbstreflexion schreiben was eigentlich alles so war die Tage. Irgendwie ist das glaub ich auch heilsam dieses runterschreiben. Wie ich das so schreibe merke ich erst daß es wirklich so ist daß ich hier grade unmenschliches wuppe für einen arg angeschlagenen Autisten. Ich muß  denken über so Sachen wie warum diesmal der Körper statt des Inneren durchdreht, warum hat der Geist keine Notbremsen vorher gezogen, wie hab ich das abdrehen eigentlich genau abgestellt und aufgeschoben, was mag die kommenden Tage passieren mit mir, wie geht es eigentlich dem Gatten (wobei der deutlich mehr Pausen hatte) usw.

Keine Ahnung warum ich diesmal krank bin. Irgendwas mit selbst schuld scheint es zu sein. Naja, ich werde mich jetzt ganz doll um mich sorgen und dann wird das auch schon wieder.

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geh mir wech mit all den Festivitäten im Herbst/Winter

Es kommt so langsam der Herbst und damit auch der Beginn der horrorhaften Jahreshälfte in der wirklich jeder in unseren beiden Familien Geburtstag hat. Dazu wartet Weihnachten, Silvester und weiß der Kuckkuck nich noch alles an Festivitäten auf uns an denen von anderen Menschen erwartet wird was wir zu tun haben. Ich hasse es mir ständig irgendwas wünschen zu müssen, Menschen die ich nur bedingt mag zu stundenlangen Geburtstagsarien zu begleiten, mir nen Kopf um passende Geschenke zu machen, auswärts zu schlafen, die Bude mehrfach selber voll zu und vorher passend geputzt zu haben, Gästebesuche schlau zu koordinieren um Begegnungen zu vermeiden und alle passend ihrer Eßgewohnheiten zu bewirten, Familienfeiern und Übernachtungsgäste zu ertragen usw. Daneben wird natürlich versucht es sich selber irgendwie entspannt und nett zu machen. Ein Ding was eigentlich jedes Jahr zumindest für mich krachen geht weil ich irgendwann durchdrehe ob des Stresses.

Nun könnte man ja sagen, hey…wenigstens zu unseren eigenen Geburtstagen könnte man ja einfach mal ganz abhauen. Ich will das eigentlich gar nicht dieses abhauen weil ich mich hier wohl fühle und was hilft uns das denn? Der Familienmob erwartet uns dann eben danach zu sehen um zu gratulieren, zu speisen, Geschenke auszutauschen und um ihre anderen komischen alljährlichen Rituale durchziehen zu können. Ohne geht es einfach nicht, denn sonst müssen wir am Boden zerstörte Menschen ertragen was noch schlimmer ist für uns. Freunde von weit weg und Nachbarn mit unpassend alten und nervigen Kleinstkindern wollen das Tochterkind zum Geburtstag besuchen und erwarten eine eigene Einladung, Kitakinder wollen ohne nervige Kleinkinder feiern, der Gatte der direkt danach Geburtstag hat will zu seinem Tag keine Kinder dabei haben. Weihnachten muss man beieinander sein und zumindest mit unsem Tochterkind gemeinsam feiern als liebende Großeltern. Davon haben wir allerdings ne ganze Menge und die kommen dann alle auf einmal samt übernachten, obwohl sie sich gegenseitig nicht gut riechen können. Natürlich darf ich dann ausbaden daß bei uns dann alles anders läuft als sie es gewohnt sind und gerne hätten. Da sag mal einer ich als Autist brauche Routinen und Rituale. Die anderen Menschen um mich herum sind da doch 1000x schlimmer. Es scheint für all die normalen Menschen um mich herum mal so gar nicht ohne zu gehen. Ich brauche lediglich ab und zu mal etwas Ruhe vor den Routinen anderer und würde gerne all diese albernen Feiereisachen aus meinem Leben streichen. Aber die Alternative alles abzusagen ist auch wenig reizvoll, da mich sich verletzt fühlende, grummelnde unzufriedene Menschen die ihre Routinen verloren haben auch ohne daß ich ihnen gegenüberstehe noch mehr innerlich verletzen können als wenn sie nur halbgrummelnd bei mir auf dem Sofa hocken und ihre Routinen dabei haben.

Mit genau dieser Sache haben sie mich echt immer alle in der Hand, denn nach Abwägung der negativen Konsequenzen für mich selber und meine Gesundheit wähle ich echt immer das was den anderen recht ist und nicht mir.

Ich ertrag einfach keine übellaunigen und enttäuschten Menschen neben mir. Das rauschen was die aussenden das macht mich nicht nur seelisch sondern sogar körperlich richtig übel krank.

Also immer nach viel Nachdenken das kleinere Übel gewählt und meine schlechte Laune und mein gegen den Strich leben (was auch nicht sonderlich gesund ist) in die Waagschale geworfen um zumindest nicht ernsthaft krank zu werden. Natürlich werfe ich mir diese Entscheidung dann jedesmal selber vor, weil sie eben auch nicht richtig ist. Aber es gibt keine Lösung die gut ist für mich. Zumindest sehe ich sie nicht.

Doofe Sache, doofe Frau Anders!

Wie war das nochmal mit dem Körperkontakt?

Da sind sie wieder die Worte, denn ich habe ein Thema über das ich schon ganz lange mal schreiben wollte.

Wer hat eigentlich behauptet, Autisten darf man nicht berühren? Kein Wunder daß daraus irgendwann die Mär entsteht daß die auch keinen Sex haben. Ich kenne natürlich einige, die sich da durchaus schwerer tun als ich aber dennoch gilt auch da wieder der Satz: Kennste einen Autisten, kennst du aber auch grade einmal einen. Hey, es gibt auch Normalos die dieses oder jenes nicht mögen. Schließt man deshalb immer gleich auf alle Menschen???

Ich kann natürlich immer nur ausschließlich für mich sprechen und mein Empfinden wiedergeben, aber vielleicht sollte man auch mal jemand berichten der einfach durchaus gerne kuschelt mit allem drum und dran.

Ja, ich habe durchaus sehr gerne Körperkontakt, kuschel für mein Leben gerne und habe auch gerne Sex. Aber nur wenn dieser Körperkontakt freiwillig ist und von mir innerlich quasi ersteinmal offiziell einem anderen gegenüber genehmigt wurde. Das muß nicht immer ewig verbal abgestimmt worden sein und bedarf auch nicht immer tiefster innigster Freundschaft, aber irgendwie gibt es manchmal zwischen 2 Menschen eine Art stumme Übereinkunft daß es völlig okay ist und dann ist es auch wirklich okay. Eine Art Passierschein den man einmal ausstellt und der dann immerwährend gilt. Menschen die mir sehr nahe stehen, mein Mann, mein Freund, mein Kind, meine verschiedensten Freunde dürfen mir daher jederzeit ungefragt nahe sein. Sie dürfen mich spontan umarmen, dicht neben mit sitzen, mir in den Haaren rumwuscheln, mit mir kuscheln oder was auch immer. Ich bin da völlig entspannt. Ich brauch das gradezu diese körperliche Nähe zum Wohlfühlen und genieße es dann auch sehr. Ich könnte zB. ewig mit anderen rumkuscheln und frag mich schon länger warum man das eigentlich so selten mit Freunden macht.

Aber es gibt natürlich auch Dinge aus dem Bereich die ich als sehr unangenehm empfinde. Das geht eigentlich schon damit los, wenn Wildfremde, Arbeitskollegen oder Menschen die ich nicht mag in meinen persönlichen Schutzradius ungefragt eindringen. Wobei, ich habe eigentlich nicht nur einen sondern mehrere imaginäre Kreise um mich herum. Eigentlich sind es eher Ovale als Kreise, die an den Seiten schmaler sind als vorne und hinten. Seitlich darf man mir also minimal näher kommen als von vorne oder hinten. Der ganz innere allerintimste Kreis liegt je nach Tagesform so durchschnittlich irgendwie im Radius bei 50cm-1m um mich herum. Da darf wirklich nicht jeder rein und jedes absichtliche Eindringen erzeugt in mir Angst mit einer Art panischen Fluchtreaktion oder auch manchmal immense Wut und Aggression gegen diesen Menschen. Da reicht es schon, wenn ich Menschen zur Verabschiedung umarmen muß bei denen ich das sonst nie tue. Wie gesagt, Menschen mit einer Art von mir ausgestelltem Passierschein lösen rein gar nichts aus. Im Gegenteil, manchmal ist es sehr schön sich so nahe zu sein.

Dann gibt es noch eine Art Zweitradius bei umrum 3-5m. Irgendwie ist das so eine Standart Zimmergröße. Da gerät man als anderer Mensch im Alltag natürlich schon mal schneller rein. Seie es beim vorbeilaufen an einer Person auf der Straße, beim betreten eines Busses oder beim zusammenarbeiten mit Kollegen. Da macht die Dosis das Gift. Eine mir bisher unbekannte Anzahl X an Personen in diesem Kreis am Tag ist schon völlig okay. Es ist nicht wirklich toll, aber es ist okay. Es ist mir natürlich immer noch irgendwie unangenehm und könne ich wählen würde dieser Bereich auch immer frei bleiben von fremden und doofen Menschen, aber ich ertrage es durchaus über den Tag recht gut in normalen Mengen. Habe ich aber einen Tag an dem ich mich morgens schon nach dem Gewusel im Kindergarten durchs überfüllte Einkaufszentrum schiebe um nachmittags in einem vollen Wartezimmer eines Arztes zu sitzen,  reicht meine Kraft zum ertragen kaum mehr aus für den Rückweg mit dem Bus und ich lande in einem Overload.

Also immer schön gucken daß man von Anfang an die Menge so gering wie möglich hält um für den Tag mit all seinen ungeplanten Überraschungen noch Kapazitäten nach oben hin offen zu haben. Ich gehe im Kindergarten nun immer im ruhigen und leeren Hintereingang rein, statt quer durch zu laufen und auf zig Menschen zu treffen. Ich fahre Auto statt Nahverkehr, ich bemühe mich soweit möglich nur eine größere Aktion am Tag zu machen. Also entweder Arzt, oder Einkaufen.

Naja und solange man sich von Idioten fern hält und vermehrt mit tollen Menschen mit Passierscheinen beisammen ist, dann klappts auch mit dem kuscheln und niemand merkt daß ich manchmal ganz heimlich und tief in mir drin ein Problem damit habe- nichtmal ich.

Also bei mir ist das zumindest so.

*mal alle Leser virtuell durchknuddel*

Partnerschaftliches

So langsam lichtet sich auch in mir so einiges. Ich habe ja einen Mann, der ebenso Asperger ist. Aber halt gaaanz anders und wir gleichen uns permanent gegenseitig aus. Er liebt es zB. unter Menschen zu sein, solange es alles bei oberflächlichen Kontakten bleibt. Er merkt kaum, wenn er wen nervt oder alle schon gelangweilt gähnen, wenn er zum 195sten Mal die selbe Story erzählt. Merkt ja meist auch keiner wenn es immer mal andere Leute sind, die er zulabert. Er lächelt andere immerzu an (er hat nur diesen einen Gesichtsausdruck, aber das weiß ja keiner) und alle denken, der Herr Anders ist ja sooooo ein netter. Er ist ganz toll im Smalltalk und overloadet andererseits ganz schnell sobald ein ernstes Gespräch mit Tiefgang geführt wird. Sobald es ernster wird ist er weg. Ich bin genau andersherum. Ich bin durchaus auch sehr gerne unter Menschen, aber ich hasse Smalltalk und so lustige bunte Runden. Ich weiß nie was ich sagen soll, wann ich dran bin, verstehe Witzchen nicht, falle anderen immerzu ins Wort weil ich sonst vergesse was ich wichtiges sagen will und wenn ich was erzähle scheint es niemanden wirklich zu interesseren. Dazu die geballte Masse an wahrgenommenen Informationen all dieser Menschen die auf mich einströmt. Das ist echt superschwer für mich und ich schicke meinen Mann dann lieber vor ins Laberrennen und lächle stumm neben ihm vor mich hin und warte daß es endlich vorbei ist. Ab und zu bekommt er von mir einen Hinweis, was die anderen grade denken oder warum sie grade seltsam auf ihn reagieren und das wars. Ich bin in so bunten Runden quasi sein Korrektiv was neben ihm steht. Tiefsinnige Gespräche, am liebsten zu zweit hingegen schätze ich sehr und ich könnte mich stundenlang mit einem passenden anderen Menschen in allemöglichen Themen reinlabern. Dabei schläft mein Mann meist nach 1-2 Minuten entweder ein, beschäftigt sich mit was anderem oder geht weg und erfragt am nächsten Tag, obs was wichtiges gegeben hätte was er wissen müßte. Daher arbeiten wir grade daran, daß jeder seinen Freundeskreis für sich pflegt. Aber meist laden uns immer alle gemeinsam ein und einer von uns beiden stört dann immer als eine Art Spaßbremse oder Ignorant.

Das klingt erstmal nach einer tollen Gemeinschaft, wie man sich so gegenseitig hilft und unterstützt, aber es ist nicht immer einfach gemeinsam so miteinander zu leben. Wir helfen uns zwar gegenseitig im Leben klarzukommen, aber wenn ich zB. mal tiefsinnig mit ihm reden will ist es blöd, weil es nicht geht.Wenn er mal mit mir smalltalkt oder mich mitnimmt weil er sich mit Menschenmassen treffen will ist es ebenso doof. Wobei ich offensichtlich einen größeren Leidensdruck habe.

Worunter ich aktuell am meisten leide ist: Es scheint ihm in meiner Wahrnehmung völlig egal zu sein, daß ich jetzt herausgefunden habe daß ich wohl auch irgendwie Aspie bin. Mich beschäftigt das tagein und tagaus, ich will so gerne über so vieles mit jemandem reden, reflektieren, mein ganzes Leben ist irgendwie ein anderes, jegliche Sicht auf Dinge ist verändert und es ist im Moment ein derart wichtiges Thema für mich aber ihn interessiert das anscheinend überhaupt nicht. Kein erstauntes ooooh, oder glaub ich nicht oder hab ich ja gewußt oder sonstwie eine Reaktion, er hört mir nicht zu, fragt nicht nach und läßt mich völlig alleine damit stehen. Das tut richtig weh, denn er ist der Mensch der mir am allernächsten steht und der am allermeisten von mir weiß. Außerdem ist all das ja nun auch ein Thema was ihn ebenso betrifft. Aber ihm ist all sowas total egal und viel zu anstrengend, darüber überhaupt nachzudenken. Er denkt wenn dann immer nur in seinem eigenen Universum nur an sich und was er davon hat, was diese Information für ihn bedeutet usw.

Ich bin da irgendwie anders…

Huch, bin ich etwa anders als ich dachte?

Der Schreibflash geht weiter. Aber schreiben hilft mir echt gut beim denken. Also noch eine Frage an mich selber:

Warum scheint wirklich alles was ich bisher an anderen als Charaktereigenschaft kritisierte und jahrelang weit von mir gewiesen hätte, irgendwie doch zu mir zu gehören? Also nicht immer nur die ganz fiesen Sachen, sondern auch so kleine Dinge von denen ich immer dachte „das könne ich nie so wie dieser Mensch“ oder „ich bin da ja zum Glück gaaaaanz anders“.

Je mehr ich mich traue da hin zu schauen, desto erstaunter bin ich.  Es ist eine Art Minischock jedesmal und trotzdem tun diese Erkenntnisse wahnsinnig gut.

Ich geb mal eines zum besten. Weitere folgen, sobald sie mir einfallen.

Ich dachte zB.  immer, mein Mann hätte als Asperger Kommunikationsprobleme während das ja mein Spezialgebiet ist, in dem ich total gut bin und ihm völlig überlegen. – Totaler Quatsch. Ich bin totaler Kommunikationslegastheniker, ich stehe nur gut im Training und wurde gut geschult. Dennoch faile ich in fast jedem Gespräch, wo mein Mann noch fröhlich weiterkommuniziert.

Im Umkehrschluss hab ich nun aber auch Angst vor allem was ich an anderen doof finde oder vor den Dingen die ich bisher immer selbstbewußt als gut an mir ansah. Ich habe das Gefühl ich muß ganz schön viel von mir komplett neu einsortieren.

Bin ich wirklich ein so guter und einfühlsamer Therapeut, für den ich mich immer halte?

Bin ich wirklich ein guter Zuhörer und toller Freund?

Kann ich wirklich sowas wie hellfühlig sein was das Denken und die Gefühle anderer angeht?

Geht es Menschen wirklich schlecht, wenn ich fühle daß es ihnen schlecht geht oder interpretiere ich einfach nur?

Bin ich wirklich ein Nichtaspie, weil ich alle Redewendungen, Doppeldeutigkeiten und unausgesprochenen sozialen Miteinanderregeln die in jeder Situation anders lauten beherrsche? Also beherrsche ich sie wirklich?

und, und, und…

Denkstuff des Tages

Mal völlig unsortiert. Ich denke einfach extrem viel in letzter Zeit wer ich bin, was ich bin und wie das alles zusammenpassen kann. Ich hätte so gerne einen Namen für das was mit mir los ist. Daß etwas anderes als bei den meisten Menschen os ist, darüber bin ich mir eigentlich schon seit frühester Kindheit klar. Aber ich mag doch meine Schubladen, in die ich die Menschen einsortiere und ausgerechnet mich selber bekomme ich nicht klar. Ist das eigentlich normal daß man in meinem Alter (34) nochmal so arg an sich selber arbeitet und sich hinterfragt? Ich fühle mich, als wäre ich in meiner 2. Pubertät auf dem Weg zu Menschwerdung. Auf dem Weg zu mir selber. Das ist schon irgendwie toll und erschreckend zugleich. Denn alles was ich bisher glaube zu sein, zu können oder so wurde komplett über den Haufen geworfen und ich baue nun Stück für Stück ein neues Bild von mir selber auf. Und schreiben hilft mir immer, also schreib ich mal einfach so vor mich hin.

Ich bin hochsensibel:

Das weiß ich nun seit längerem und es war eine totale Befreiung endlich zu kapieren, warum ich oft so komisch reagiere. Ich dachte immer ich könne schlecht hören, aber nun weiß ich, ich höre jeden Floh husten, bin von jedem minimalen Störgeräusch abgelenkt und kann Töne einfach nicht filtern. Alles ist gleichlaut und gleichpräsent. Da kann schon mal die eine oder andere Information flöten gehen. Ich kann genausogut alles „sehen“. Ich bin visuell extrem schnell und massiv aufnahmefähig ohne jeglichen Filter. Und dann, ja dann hab ich irgendwie noch ganz massive (ich nenn sie mal) Antennen für andere Menschen. Ich höre Dinge, die sie versuchen zu verstecken, spüre jede Lüge, merke Glück und Leid und sehe was sie beschäftigt. Das ist total seltsam und oft bin ich davon überfordert. Meine derzeitige Aufgabe sehe ich darin, mich genau in dem Punkt abgrenzen zu lernen.

Ich bin vielbegabt/ein buntes Zebra/Scanner oder wie man es auch immer nennen mag.

Ich interessiere mich für massiv viele Dinge, ich kann ganz viel, ich eigne mir permanent neues tiefgreifendes Fachwissen an. Seie es wie man ein Reetdach deckt, ein Studium der Neurologie, Pferderassen, Sprachen, Kunst, Kräuterkunde, Musik, Jonglage, Töpfern, Autismus usw. usw.

Ich bin neurotypisch:

Dachte ich zumindest immer 😉 Ich kann Doppeldeutigkeiten in Redewendungen, ich spreche in den buntesten Bildern, Redewendungen und Sinnsprüchen. (Sorry liebe mitlesenden Asperger, ich kann auch wenn ich will total klar und rational reden. Ich nenne es immer die „aspianische Sprache“. Die hab ich ganz toll gelernt inzwischen, aber ich wurde sprachlich irgendwie anders sozialisiert und hey, es ist mein Blog und ich rede nunmal gerne in bunten Bildern. Wo wenn nicht hier. Wenn was unklar sein sollte, ich erkläre es gerne) ich kann ganz schrecklich unlogisch, emotional und gefühlvoll sein, ich bin in der Lage mich in andere Menschen hineinversetzen zu können und deren Dinge nachzufühlen. Das kann ich sogar richtig gut und es hilft mir in meinem therapeutischen Beruf sehr. Ich leide auch oft unter meinem Aspergerpartner, der mich einfach nicht verstehen kann. Der einfach so extrem anders ist, der nicht mit mir in meiner Sprache zu reden vermag und mir wenig verbalen und emotionalen Austausch bietet. Ich bin sogar sehr aktiv in einer Selbsthilfegruppe für liebende Partnerinnen von Aspergern und ich bin supergerne unter Menschen und fühle mich in sozialen Situationen wohl. Naja, nicht immer denn…

…Ich bin wohl auch irgendwie Asperger:

Bisher dachte ich immer, das wären nur die anderen und es wäre ganz weit weg von mir, aber langsam wird es für mich immer deutlicher daß ich mir da was vormache. Vielleicht kenne ich auch nur zuviele Männer. Die Frauen scheinen ja doch irgendwie etwas anders sozialisiert zu sein.  Ich habe ganz massive Spezialinteressen zu denen auch seit längerem das Thema Asperger zählt. Daher sehe ich so viele Dinge. Ich kann keine Emotionen in Gesichern treffend erkennen (erinnert ihr euch? ich sehe in Menschen hinein wie in ein Buch, aber im Gesicht erkenne ich oft gar nicht. Total seltsam), ich brauche Regeln, Strukturen, denke über jede noch so kleine Handlung nach wie ich es am besten tun kann damit es irgendwie ein einer sinnvollen Reihenfolge stattfindet. Ich kann nicht mit anderen telefonieren. Ich sehe überall Muster, Strukturen und Systeme…Ich stoße Menschen oft vor den Kopf mit gnadenloser Direktheit, ich hasse sinnfreien Smalltalk, ich tue mich schwer mit sozialen Situationen auch wenn ich sie noch so gerne habe, ich verstehe keine Witze (oder nur meine eigenen *lach*), ich habe ganz massive Ordnungssysteme in meinem Chaos, ich könnte durchdrehen wenn jemand die Tasse mit dem henkel in die falsche Richtung in den Schrank stellt oder sonstwie meine Routinen stört und, und, und…

Naja und ich bin liebende Ehefrau eines Aspergers und Mutter eines was auch immer Kindes das mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen scheint. Aber ich glaub es ist ein gutes Training.

Kann das alles eigentlich sein und zusammengehen? So langsam glaube ich ja, nur halt „irgendwie anders“