Aspiediplom an die Wand häng

Nach über einem Jahr Wartezeit und langem hadern ob ich da überhaupt hingehen soll, ob nicht und wozu das ganze überhaupt gut sein soll bin ich nun ab heute hochoffiziell diagnostizierter Asperger mit Aspiediplom.

Eigentlich war es ganz einfach. Ich habe nicht ein einziges Mal auf meine unendlich langen Listen geschaut und dämliche Fragebögen ausfüllen mußte ich auch nicht. Es wirkte wie ein nettes Pläuschchen, ein sehr einfühlsames und kompetentes Gegenüber das an der richtigen Stelle die richtigen Fragen zu stellen vermag, mich zum entspannten und freien Reden bringt (Respekt!) und mir Dinge erklärt wie sie gemeint sind damit ich darauf antworten kann und schon pass ich ich voll in wirklich jegliche Punkte und Unterpunkte diverser DSMs und darf mich nun ab heute also ganz offiziell Autist nennen.

Daß das so eine Volltrefferlandung in wirklich allen Bereichen wird hätte ich nun nicht erwartet. Ich fand es sehr angenehm daß Autismus als Entwicklungsstörung absolut frei von defizitärem Denken und jeglicher Wertung erläutert und angesehen wurde. Mir wurden verschiedene Wahrnehmungsmodelle erklärt und vor allem auch erklärt was bei den NTs anders läuft als bei Autisten (sorum war das echt mal spannend). Ich lernte wie das so rein funktionell gesehen funktioniert mit dem seismographischen wahrnehmen der Emotionen anderer, mit dem fehlenden Sozialautopiloten, wie das sein kann daß NTs Smalltalk auf sehr oberflächlicher Ebene brauchen und Autisten mehr Tiefgang und wie sie sich gegenseitig in Alarmbereitschaft versetzen können, ich erfuhr von spannenden Kompensationsstrategien einzelner Klienten die gut angepaßt durchs Leben gehen wie ich, wie Routinen wirken und was die generell schlauste Lösung sein kann in der Zwischenwelt in er man sich irgendwann entscheiden muß zwischen der Flucht in die Aspiewelt mit Isolation und dem eintauchen in die NT Welt mit Selbstverlust die beide meist zur Depression führen. Ich habe viele neue tolle für mich stimmig wirkende Denkansätze mitnehmen können, obwohl ich schon sehr viele gute Theorien kenne.

Es war übrigens sehr gut daß in Außen- und Innensicht unterschieden wurde. Es wurde zB. gefragt ob ich in der Lage wäre spontan Freude zu zeigen. Ja na klar freu ich mich schnell und oft wie ein kleines Kind über kleinste Dinge, könnte hüpfen und klatschen dabei. Also eigentlich nix Autist wenn man sich soooo freuen kann. Es wurde mir dann aber erklärt daß es für die Diagnosekriterien immer nur um die Außensicht ginge, weil man die Innensicht eben nicht beurteilen kann und die eben sehr individuell gefärbt ist. Also würde jemand der mich von von außen betrachtet sagen daß ich zu spontaner Freude fähig wäre und genau das kann ich definitiv verneinen. Meine konfettisprühende innere Freude dringt nämlich tatsächlich fast nie ans Außen. Ich freue mich wie Sau, stehe aber im Außen tatsächlich neutral und regungslos da. Ich zeige meist keine passende Mimik oder sonstige Handlung die darauf schließen läßt daß ich überhaupt zur Freude fähig seie. Über sowas und zig andere Dinge die bei mir anders sind als bei anderen haben wir dann halt viel geredet. Nett wars und hätte ich mehr Probleme würde ich sagen gerne wieder.

Und wie es mir nun damit geht fragen viele.

Tja, wie geht es mir? Irgendwie recht neutral und unverändert. Mir war ja vorher schon alles 100%ig klar und daher ist auch nun nichts wirklich neu und anders. Freuen tue ich mich etwas über die Bestätigung von einer sehr erfahrenen wirklich wildfremden Person daß ich nicht schon wieder kuriose Flausen im Kopf habe (hab ja sonst viele) und mir da was leichtfertig einrede. Daß das was ich wahrnehme durchaus korrekt ist und ich endlich mal auf meine inneren Stimmen hören darf, weil die echt gut sind

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Diagnostiktermin

Es ist soweit. Perfekt/unperfekt vorbereitet (nein, ich olle Tiefstaplerin. Megaperfekt vorbereitet bis ins kleinste Detail meine ich) fahre ich jetzt gleich los zum DEM Termin. DEN Termin wo ich zum absagen zu blöd zu war und mich jetzt doch irgendwie mit gemischten Gefühlen drauf freue. Ich freue mich vor allem auf einen Mensch der tatsächlich mal ein paar Minuten zuhören wird und will was da in meinem Köpfchen so abgeht. Einer der sich zumindest vielleicht bemüht mal oben durch ein kleines Fenster zu lunzen und der sich anscheinend sogar sehr gut auskennt in der Erwachsenenproblematik. Ich bin gespannt.

Ich glaub die schwerste Aufgabe wird es heute sein, meinen inneren Autisten zu zeigen statt des perfekten Außenbildes und mich zu trauen fassadenlos aufzutreten vor wildfremden Menschen. Ich bin sowas nicht gewohnt.

rotier

Boah, ich rotiere hier grade mal wieder.

Am Donnerstag hab ich meinen Diagnostiktermin den ich ja eigentlich absagen wollte, weil ich ihn für mich nicht mehr brauche. Ja, ich wollte es wirklich aber ich bin nicht in der Lage dort anzurufen um mich zu erklären. Ich bin nicht in der Lage das zu tun, was ich so schön im Kopf geplant habe. Ich werde dort nun also hingehen, obwohl ich gar nicht will und gar kein Geld dafür habe. Einzig weil ich nicht in der Lage bin abzusagen. Aaaaaargh!

Nun lass ich halt dem Schicksal seinen Lauf und ärgere mich. Parallel fange ich an irre zu werden um Listen über Listen zu füllen an denen ich mich vor Ort festhalten kann. Ich hänge völlig in der Luft weil ich 0 Informationen habe und mich nicht passend vorbereiten kann. Ich habe weder einen Vorabfragebogen bekommen, noch Dinge gesagt bekommen die ich mitbringen soll oder schon mal drüber nachdenken soll, noch hat die Praxis eine Webseite wo man schon mal gucken kann wie das da so aussieht, noch hab ich die Person googeln können um mal zu gucken wie sie aussieht oder wie als sie ist. Einzig vor 1,5 Jahren hatte ich mal Emailkontakt um einen Termin zu bekommen. Mehr weiß ich nicht. Ich weiß ja nichtmal ob es die Praxis noch gibt und die Preise noch stimmen und Emails werden dort fast nie gelesen weil die web.de Adresse oft überfüllt ist. Alles sehr unprofessionell und autistenunfreundlich wirkend wie ich finde. Ich könnte ja vorher mal anrufen und fragen, wenn ich denn anrufen könnte…hahahaa

Aber ich vertraue auf die Erfahrungen anderer die alle sehr begeistert sind von ihr als Person, ihrer Kompetenz im Bereich von Erwachsenen und ihr stetig zeitaktuelles Wissen jenseits von Fragebögen und Fachbüchern.

Diagnosetermin absagen?

Ich muß echt bescheuert sein. Da warte ich 1,5 Jahre um einen Diagnosetermin bei einer wirklich erfahrenen Therapeutin die vorrangig mit Erwachsenen Aspies und speziell auch mit Frauen arbeitet und nun überlege ich tatsächlich den Termin ersatzlos sausen zu lassen. Was soll mir die Dame denn noch erzählen was ich nicht schon weiß? Ich habe 1,5 Jahre Zeit gehabt mich zu reflektieren und im Kopf zu arbeiten und stehe nun ganz woanders als noch vor 2 Jahren. Ich bin mir meiner Diagnose 100% ig sicher, habe nach langer Zweifelphase nun keinerlei Zweifel mehr, ich weiß wer ich bin, wie ich bin, wie ich nicht bin, wie ich ticke, ich komme halbwegs gut mit mir klar und bin gut darin mich selber quasi zu therapieren wenn es nötig ist, habe ein stabiles Umfeld was mich stützt und habe keinen Leidensdruck der einer Therapie bedarf. Ich habe nichtmal mehr das Bedürfnis mich weitergehend direkt zu outen vor der Arztzettelhörigen Familie. Warum muß ich mir eigentlich den Streß antun mehrfach bei vollstem Terminkalender in eine andere Stadt zu fahren mich dort durchleuchten zu lassen von einer wildfremden Person, mit anschließenden Massenoverloads und dafür auch noch irre viel Kohle auf den Tisch legen (ich will das nicht über die Kasse laufen lassen) nur für einen Zettel, der dann hinterher doch nichts wert ist außer daß ich ihn besitze und bei Bedarf Leuten vorzeigen könnte? Hmm…