Systemcrash

Ich bin ja grade ein paar Tage woanders und auf Fortbildung und irgendwie gibt es statt der ach so tollen Erholung beim Abseits sein der Familie und all dem Kram mehr Systemabstürze als Erholung. Ich lerne hier total viel, was mir sicher auch später überaus nützlich sein wird, aber der Preis ist hoch. Gestern konnte ich nichtmal mehr schreiben. Ein Instrument was sonst eigentlich immer funktioniert. Daher auch der passwortgeschützte Artikel. Da steht nur Murks drin, wahlloses Wörter aneinanderreihen und wieder verlieren. Vielleicht zeig ich euch das auch mal, aber im Moment will ich selber erstmal verstehen was da los war. Tja, nun sitz ich hier in meinem Hotelzimmer und grübele.Ich wollte eigentlich ausschlafen, denn der Kurs geht erst um 10 Uhr los und ich wohne im Hotel direkt gegenüber. Also was ist eigentlich los? Ich glaube mir ist alles einfach zuviel und ich habe wenig Chancen das zu tun was mir gut tut und alles was mich sonst fast unsichtbar in meinem Leben stabilisiert fällt weg. Los geht es mit meinem inneren Zeitplan den ich ja eigentlich gar nicht habe. Aber ich hab so Reihenfolgen an denen ich mich so im Tag entlanghangele und meine Routinen dranbaumel und die sind alle völlig durcheinandergewürfelt worden. Ich habe Zeiten zu denen ich gut arbeiten kann und Zeiten zu denen es schier gar nicht geht. (Notfallkofferequipement: pack die schwierigen Sachen in die Hochphasen) Eine gute Zeit ist tatsächlich der Morgen. Daß ich das als ehemaliger Langschläfer mal behaupten werde, aber zu Hause stehe ich sogar oft noch ne Stunde extra früher auf um mein Produktivhoch zu nutzen. Tja, der Morgen mit seiner Produktivität fängt aber ab 10 Uhr an, so langsam blöder zu werden was dann meist im absoluten Mittagstief endet, von dem ich mich meist erst ab spätem Nachmittag wieder erhole um dann bis spät in die Nacht hinein wieder hochproduktiv zu werden. Grade in die sehr sensiblen Phasen, fallen hier seit Tagen die schwierigen Sachen wie Menschenkontakte (wovon ich hier auch definitiv zu viele habe), denkarbeit und ertragen von viel zu vielen Außenreizen. (Notfallkofferequipement: weg von Außenreizen) Das ist eher suboptimal. Tja und die hochproduktiven Phasen sind leer. Ich hocke hier grade in ebeneinersolchen und weiß nix mit mir anzufangen. Ich sitze in einem fremden Zimmer, schlafe in einem fremden Bett, gucke auf mir fremde Sachen, selbst die Programme im TV sind alle für mich absolut „falsch“ programmiert was für mich ständig zu logikfehlern führt. Die paar erdenden Sachen von zu Hause scheinen nicht auszureichen. Ich muß mir sehr viel Mühe geben zu essen, weil ich es sonst einfach vergesse was mir körperlich eher noch mehr Leid zufügen wird. (Notfallkofferequipement:regelmäßig Essen und trinken) Ich habe hier leider nichts richtiges zu essen außer etwas Knabberkram und jegliche Essenszeiten sind hier anders als gewohnt und immer mit sozialer Interaktion verbunden. Das ist überhaupt das allerschlimmste. Nicht mal schnell an den Kühlschrank gehen zu können oder mit nem Kaffee kurz im Zimmer hocken können und an die Wand starren. Ich grübel jetzt schon, ob ich den Preis für mein Frühstück zu zahlen bereit bin indem ich mich hochgradig verletzlich wie ich grade bin mich wieder Menschen aussetze die mir beim Kaffeetrinken zugucken und einfach viel zuviel an allem aussenden. So ist der Start in den Tag schon im Arsch wie ich finde. Also renne ich meist gleich zu Beginn um 7:00 Uhr zum Frühstück, wenn noch kaum jemand da ist. Aber frühstücken heißt ja auch vorher duschen, waschen, anziehen. Dieses sogenannte „landfein“ machen. Das gehört für mich aber hinter das Frühstück. Also wieder Minisystemcrash ob Logikfehler. Tja, dann entsteht nach dem Frühstück was ich ja so schnell wie möglich inhaliere um wieder abhauen zu können eine seltsame Leere. Eine Leere in meiner Hochphase die ich damit füllen muß mich auf den Tag vorzubereiten um ihn zu überstehen. Meist gehe ich dann einfach noch etwas spazieren, weil mir das irgendwie gut tut. außerdem langweile ich mich tierisch. (Notfallkofferequipement: Bewegung)

Im Kurs selber ist es eigentlich spannend, aber da sitzen wieder so viele Menschen die alle sehr viel aussenden was sich dann quasi bei mir Comäßig mitentlädt. Selbst wenn die anderen nicht mit im Raum sind. Ich muß den ganzen Tag stillsitzen was ich nicht gewohnt bin, ich arbeite lange auf meinem allerschlechtesten Aufnahmekanal und bin hochgradig konzentriert weil ich das Thema ja so unendlich spannend finde. Da mag ich nichts verpassen. Tja und dann gibt es noch Pausen. Pausen in denen man eigentlich weiterarbeitet, nur daß man das Setting in ein Restaurant der Wahl oder auf den Hof zur Raucherpause mit den anderen verschiebt und ein paar Themen ändert. Also wird wieder Müll ausgesendet und abgeladen, Töne brüllen mir in meine Ohren, meine Augen müssen immerzu gucken, ich muss sozial interagieren, reagieren, wieder konzentriert hören und habe nichtmal Bewegung. Aber wenigstens habe ich dann etwas gegessen. Das ist es mir dann wieder wert. Dann wird wieder gearbeitet bis, ja bis eigentlich mein Speicher übervoll ist. Man kann sich auch zurückziehen, aber noch einen fremden Raum ertrage ich dann leider auch nicht. Danach wieder gemeinsam Abendbrotessen gehen (was ich eigentlich sehr genieße, denn alleine essen wäre für mich ab nachmittags ob massivem Fluchtreflex gar nicht mehr drin) und wenn ich langsam wieder in meine Hochphase komme in der ich Lust auf Kontakt, Austausch und geistigen Input habe um es diesmal als eine Art Ventil zu nutzen statt als Speicher füllen gehen alle nach Hause und ich hocke wieder hier. Total verwirrt und konfus. Alle Systeme crashen ob viel zuviel Überlastung und Logikfehler und ich habe hier wenig Möglichkeiten meine Rettungsanker zu nutzen die zu Hause oft gut funktionieren. Gestern sind dann auch noch meine allerwichtigsten Waffen ausgefallen. Nicht nur das reden und klar denken, sondern auch noch das schreiben und was ganz neu war das Bilder- und Farbensehen. Alles weg!  Hab ja schließlich ne tolle Methode gelernt mit der man durch Bilder Dinge reparieren kann. Das wäre ja eigentlich zu perfekt als praktische Übung. Aber auch das geht nicht. Blöder Körper daß er mir ausgerechnet die Helferlein nimmt. Kann ich nicht schaukeln oder zittern oder so? Schreiben hilft mir eigentlich immer am allerbesten, und sei es nur um einen Hilferuf abzusenden. Aber alles weg gewesen. Jegliche Möglichkeit zur Reparatur und Kommunikation war wie weggefegt. So richtig angeknipst ist heute auch noch nicht alles wieder, aber es ist schon besser. Daher schreib ich einfach mal etwas frei von der Leber weg um einfach nur zu schreiben und auf Heilung zu hoffen. Als das heute Nacht wieder etwas ging hab ich einfach nur Seiten gefüllt mit Worten. Ich habe jetzt einen kompletten DIN A4 Spiralblock komplett mit Worten und komischen Gemälden gefüllt und habe natürlich heute nix mehr da zum mitschreiben. Egal.  Inhaltlich schlaue Sachen oder wirklich wichtige Themen purzeln auch hier noch nicht raus, aber das ist mir auch egal. Schreiben heilt und wer heilt hat Recht heißt es doch immer so schön. Also mach ich heute mal alles anders und schreib. Sogar ganz ohne Kaffee…

Chaos im Außen, Struktur im Kopf

Wie habt ihrs eigentlich mit Regeln und Struktur? Für mich ist es wohl wichtiger als ich manchmal glaube, dennoch gelingt es mir einfach nicht mein Leben in eine gewisse Struktur zu drücken. Dabei denke ich in Strukturen und wünsche mir nichts mehr als etwas mehr klarere Abläufe, weil das für mich Kontrolle und Planbarkeit bedeutet. Ich dachte immer Autisten wären alle immer so voll strukturiert, mit sauberen Wohnungen, gut sortieren Bücherregalen und festen Tagesabläufen. Ich hingegen schaffe es aber nichtmal, meinen Alltag und unsere Wohnung vernünftig zu strukturieren. Was ihr sehr ist die Oberqueen des Chaos, jemand der alles stehen und liegenläßt, der ständig vergißt wo er etwas hingelegt hat, der zerstreut und faul wirkt. Dabei bin ich eigentlich der ordentlichste und strukturierteste Mensch den ich kenne. Im Inneren halt. Ich schaff es einfach nicht, das Außen passend zu gestalten und wenn es doch mal klappt, kippt der Zustand in kürzester Zeit wieder um. Der Berg der im Außen noch fehlt ist einfach zu groß, die Ablenkbarkeit und Konzentrationsprobleme tun ihr Übriges dazu und so sehne ich mich also nach Ordnung und Struktur und das Chaos um mich herum wächst und wächst. Ich fühle mich dem total hilflos ausgeliefert. Ich glaube manchmal daß genau das meine größte Behinderung ist. Es bei allem Bemühen einfach nicht zu schaffen, was in meinem Kopf so klar und einfach ist. Mich an meine eigenen Regeln zu halten, Abläufe immer gleich zu gestalten, Dingen einen festen Ort zu geben usw. So sortiere, ordne und plane ich immer und immer wieder. Also im Kopf. Keine Sekunde in meinem Leben geht ohne das Denken an Ablaufpläne, Listen, Strategien. Das klaut mir eine Menge Zeit, Energie und Gedanken für andere Sachen, die vielleicht wichtig wären. Ich hab keine Ahnung wie man es schaffen kann.

Schon verrückt, denn mein Aspergermann beherrscht genau das bis zum Endgrad der Perfektion und wenn es ihn nicht gäbe, würde hier rein gar nichts mehr laufen in Familie und Haushalt und ich würde wahrscheinlich überfordert schaukelnd und stockdepressiv in der Ecke hocken während meine Wohnung aussieht wie die eines Messies. Aber so gut wie das auch ist, jemanden zu haben der mich etwas leitet und führt, desto schlimmer ist es auch für mich zu sehen wie einfach es alles für ihn ist. Das kann MAN doch „einfach“ mal machen. warum kann ich das denn nicht? Er ist genau das Gegenteil von mir und für ihn ist das Thema Ordnung und Struktur das leichteste der Welt. Ich bekomme somit auch ständig indirekte Kritik, daß ich dieses oder jenes ja ruhig mal hätte tun können. Niemand sieht daß ich es einfach nicht KANN. Es ist nicht das mangelnde Mühegeben oder Faulheit. Ich KANN es einfach nicht! Und meine NT Sozialisierung tut ihr übriges daß bei jedem Fünkchen Kritik sofort der blöde Denkapparat angeht und ich ewig überlege was alles schlecht ist an mir, daß ich nicht geliebt bin und was weiß ich nicht noch alles.

Wie komm ich da nur wieder raus?