Superkraft: unsichtbar sein

Ich glaube meine geheime Superkraft ist es, unsichtbar zu sein. Das ist doof und schön zugleich. Manchmal liebe ich es, weil mein Leben dadurch einfacher wird und mir vieles erspart wird. Oft ärgert es mich, weil es so viel Kraft kostet gegenan zu gehen aber so langsam gewöhne ich mich dran. Ein paar kleines Beispiele?

Ich bin in einer Facebookgruppe in der sich eine Tierhilfe hier im Dorf  grade neu formiert. Jeder einzelne Pups der von Mitgliedern dieser Gruppe gespendet wird, wird sofort großartig mit Bild und Text gefeiert und gelobhudelt. Ich habe vor ein paar Tagen sehr viele gute und wertvolle Sachen an die einfach verschenkt, hatte sogar noch ein tolles längeres intensives Gespräch mit den Initiatoren. Ratet mal, wer beim öffentlichen Lobhudeln schlicht vergessen wurde?

Ich war schon ewig nicht mehr in der Hundeschule. Vermißt hat uns noch keiner.

Im Kindergarten stehen wie jedes Jahr Elterngespräche an. Auch dieses Jahr sind alle Eltern, grade die der zukünftigen Schulkinder dran. Wir nicht! Wir sind seit 4 Jahren in dieser Kita. Ratet mal, zu wievielen Elterngespräche wir eingeladen wurden? Kein einziges! Eines haben wir uns mal ganz am Anfang erstritten, weil wir vergessen wurden. Danach hatten wir keine Lust mehr.

Hortplatzanmeldung: Wir haben uns wie alle anderen Eltern angemeldet. Sogar intensiver als alle anderen Eltern mit persönlich, schriftlich, telefonischer Erinnerung. Ratet mal, wer irgendwie von der Anmeldeliste verschwunden ist weil er sich angeblich nicht angemeldet hatte?

Ich habe in der Schule 2 Jahre Informatikunterricht geschwänzt, weil mir das zu doof war. Ich war also nach 1-2h nie wieder da und es hat keiner gemerkt, trotz Klassenbücher und Anwesenheitslisten. Sogar vom Zeugnis ist dieses Fach dann irgendwie verschwunden. Ich hab zum Glück nie Ärger bekommen.

Ich habe Geburtstag, ich kenn das Thema ja schon, daß ich immer vergessen werde, also erinnere ich jedes Jahr immer brav alle wöchentlich daran, damit das auch was wird. Dieses Jahr hab ich mal einen Versuch gestartet und nur 1x fest eingeladen und erinnert. Es kommt nun natürlich niemand. Nicht weil man nicht könne oder wolle, nein…man wird es schlicht und einfach vergessen haben.

Ich gehe einkaufen und werde an der Kasse einfach übersehen, obwohl ich direkt vor der Kassiererin stehe.

Bäcker bedienen immer zuerst die Leute hinter mir, als wäre ich schon dran gewesen

Wenn ich irgendwo neu hinkomme, redet oft keiner mit mir. Nicht weil die mich doof und unnahbar finden (was ja manchmal auch der Fall ist, aber dann sehen sie mich ja), sondern manchmal sieht mich einfach keiner. Ja, ich kann den Unterschied spüren ob die mich halt doof oder seltsam finden oder ob die mich einfach nicht wahrnehmen.

Kennt ihr so diese Blitzlichtdinger bei Selbsthilfegruppen wo jeder reihum kurz was sagen darf?  Meist beginnt man so neben mir daß ich als letzter dran wäre, um dann beim vorletzten Menschen, also dem vor mir theatralisch Schluß zu machen, bevor ich losquatschen kann. (Nein, ich bin nicht zu langsam, ich wurde einfach übersehen)

Natürlich werden dann auch alle verabschiedet außer ich.

Ich könnte stundenlang weiterschreiben, aber mir fällt tatsächlich grade kaum etwas ein, weil es durch die Masse des Auftretens schon so fürchterlich normal und unbedeutsam ist daß mir kaum etwas spezielles einfällt. Vielleicht mach ich hier mal nen neuen tag auf und berichte. Schon alleine um es auch mal für mich sichtbar zu machen. Es gibt wirklich schlimmeres als unsichtbar zu sein. Das erspart manchmal mir ne Menge doofer Sachen. Mir passiert sowas schließlich immer und ständig. Jeden Tag und egal in welcher Situation. Ich kann nicht sagen daß ich völlig unscheinbar wirke und vielleicht hochgradig verschüchtert und geduckt durchs Leben gehe. Klar bin ich vom Typ her eher ruhiger, manchmal etwas seltsam wirkend aber das sind andere auch und die werden doch auch alle gesehen. Manchmal stehe ich auch absolut aufrecht, fröhlich, voller Energie in knallroter Jacke vor Menschen und strahle sie an und bleibe dennoch unsichtbar. Mache ich mich aufwändig bemerkbar, dann ist es den anderen oft sehr peinlich.

All sowas ist seit ich lebe mein täglich Brot. Ich komm damit klar, kenn es ja auch nicht anders und nehm es nicht sonderlich persönlich. Schließlich ist es selten Absicht, aber manchmal wundere ich mich ja schon warum das so ist. Versetze ich die alle in eine Art seltsamen Trancezustand? Mache ich einfach zu wenig auf mich aufmerksam? (andere Menschen machen das doch auch nicht?!) Wirke ich vielleicht doch anders und unscheinbarer als ich denke? Bin ich durch meine Vergangenheit einfach zu gut darin? Sollte ich mit dieser Fähigkeit Zauberer werden? Kann ich das irgendwie anderweitig nutzen? Sollte ich bei wichtigen Dingen irgendwas irgendwie anders machen um Stress zu vermeiden? Fragen über Fragen. Ich kenne die Antworten nicht.

Ich genieße einfach jeden Menschen der mich dann doch mal „sehen“ kann. Es gibt sie diese Menschen in meinem Leben und solange sie existieren ist das alles nicht doof für mich. Es gibt für mich nichts schöneres auf dieser Welt sich sichtbar zu fühlen. Von diesen wenigen Menschen nur 1x kurz wirklich gesehen zu werden füllt 100x ärgern über all die doofen Unsichtbarkeiten definitiv auf.

Danke für die, die das hier sehen und lesen 😉

 

 

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14 Kommentare zu “Superkraft: unsichtbar sein

  1. Der Emil sagt:

    In dieser Zusammenballung kenne ich das nicht, aber vieles davon geschah mir auch. Seit ich ungewöhnlich aussehe (komplett schwarz gekleidet, ungrzügelter Vollbart und schwarzes Kopftuch), hat sich das geändert …

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  2. aup sagt:

    Freue mich immer einen neuen Eintrag zu lesen. Lese schon länger mit. (btw: Danke für das Abo.)

    Es geht mir ähnlich und in meinem „früheren“ Leben vor der Erkenntnis (Diagnose) habe ich immer gedacht: „Hej, was soll das?“
    Allerdings ist mir das eigentlich doch ganz lieb, nicht im Fokus zu stehen. Wenn ich mich entscheiden müsste, zwischen unsichtbar sein und immer im Fokus zu stehen, also reagieren zu m ü s s e n, würde ich mich für Ersteres entscheiden.
    Aber da das Leben ja nicht nur schwarz oder weiß ist, ist es schön, wenn man so behandelt wird, wie man es sich wünscht. Ein hoher Anspruch in einer abgestumpften Welt an überwiegend stumpfe NTs.

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  3. blutigerlaie sagt:

    Ja, was schreiben? Ist mir so vertraut… Irgendwas passiert in den ersten Sekunden des Kontakts, was schiefgeht, so geht meine Theorie. Danach kann man stehen und gucken wie man will, die Gegenüber sind überzeugt, man wollte und will sie ignorieren, also ignorieren sie einen auch. Kann mich auch an 1 Eltern-SHG erinnern, auf dem Weg in den Raum 1 Neue. Ich konnte von Weitem sagen, daß sie selbst betroffen ist. Sie grüßte uns, ohne uns zu grüßen, ganz komischer Eindruck. Bei mir zB: Verkäuferinnen kennen mich namentlich, sind freundlich und alles, aber die Zeitabstände im Reden und Antworten klemmen trotzdem… Und auf FB hab ich meinen Geburtstag inzwischen unsichtbar gemacht, weil ich auf den Nicht-Gatulationsfrust verzichten kann. (Ach PS: Du hast jetzt erst oder?)

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    • Frau Anders sagt:

      Mittwoch… Ja, das klingt passend. Man hält sich irgendwie nicht an ein Schema und dann ist man wohl raus. Das Hirn blendet einen aus wie andere Reize anscheinend auch die nicht passen. Sind meist Menschen mit guten Filtern denen das mit mir passiert. Es ist auch anders wie dieses bewußte ignorieren. Das passiert denen anscheinend einfach und das ist nicht bewußt gesteuert. Siehe auch Sams Einkaufswagenbeispiel. Ich würde gerne mal die Stellschraube finden an der man da drehen könnte wenn man wollte

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  4. Sam sagt:

    Kenne das nur all zu gut. Beim einkaufen wollze sogar mal eine frau ihren einkaufswagen, durch mich hindurch schieben und ärgerte sich nur über den wiederstand, schaute sich sogar die räder von dem wagen an, nahm danach wieder anlauf und ärgerte sich erneut über den wiederstand, der eigentlich meinen bauch da stellte.

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  5. Jorin sagt:

    Hm… Ist das jetzt tröstlich, dass man damit nicht alleine ist?! Ich wüsste so gerne, warum das so ist. Es kostet so unglaublich viel Energie, den anderen deutlich zu machen, dass man auch da ist. Manchmal habe ich die durchaus, dann geht’s etwas besser.

    Und selbst dann: Man hat irgendwo was gutes gesagt, aber das wird dann plötzlich jemand anderem zugeschrieben (und dem wird dann auch noch mit großem Tamtam gedankt). Man war im Urlaub, andere werden mit großem Hallo wieder begrüßt, man selbst – ach, Du bist ja auch noch da, habe ich gar nicht gesehen. Ups, haben wir wohl vergessen, Dich auch einzuladen, tschulligung.

    Ja, ich weiß, nicht danach gucken, sondern danach, wo es eben nicht so ist und man sehr wohl (und gerne) gesehen wird, das gibt’s ja durchaus auch. Aber manchmal kommt es so gehäuft, da ist es schwierig, das zu übersehen. Und es sind ja auch uralte Wunden, da haut’s dann doppelt rein. Besonders bitter, wenn man mitbekommt, dass es dem Kind auch so geht, da könnte ich erst recht heulen.

    Also wieder einmal: Tränchen trocknen, Krönchen richten, aufstehen, weitermachen. Auf das dunkle Loch da unten habe ich dann nämlich auch keine Lust, das ist nämlich auch anstrengend.

    Liebe Grüße
    Jorin

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    • Frau Anders sagt:

      Richtig so! Ich bin ja auch dafür, lieber zu gucken wofür man das gezielt nutzen kann, statt es zu verfluchen. Ninja Karriere, Spion oder vielleicht auch einfach nicht als Autist aufzufallen und halbwegs normal leben zu können. Vielleicht fällt mir da ja auch noch was besseres ein.

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  6. marienkäfer sagt:

    Hallo!
    Lass dir gesagt sein, ICH KENNE DAS. Genau so geht es mir auch sehr oft. Und ich hasse es. Gleichzeitig hab ich aber auch leider sehr früh damit angefangen, mich unsichtbar zu machen. Ich kann das schlecht erklären aber habe aktive Erinnerungen aus der Schulzeit, wo ich auf keinen Fall Da sein wollte. Aus Angst glaube ich. Weil ich mich so schrecklich unwohl an dieser Schule mit diesen Leuten gefühlt habe. Und da fing es so richtig an mit dem Unsichtbar sein.
    Ich finde es mittlerweile sehr unschön und leide irgendwie ziemlich darunter, kann es aber aktiv auch nicht ändern.
    Du bist jedenfalls nicht alleine.

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  7. Den Unsichtbarkeitsmodus hab ich auch. So manches Geheimnis habe ich schon mitbekommen, weil Menschen vertraute Gespräche in meiner Anwesenheit führen. Wieso ich meist gar nicht wahrgenommen werde, bleibt aber ein Rätsel für mich.

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    • Frau Anders sagt:

      ja, es ist zum Glück nicht nur doof

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    • Jorin sagt:

      Stimmt, so habe ich das noch gar nicht gesehen! Ich dachte einfach immer, meine Kollegen wissen entweder nichts von meinem Supergehör (habe ich wirklich; das hat auch wieder Vor- und Nachteile, ich bin nämlich gleichzeitig sehr geräuschempfindlich), finden es gar nicht schlimm, interne Infos an andere weiterzugeben oder sie machen das, weil sie wissen, dass ich mit den Infos nicht hausieren gehe, sondern sie für mich behalte.
      Auf die Idee, dass sie das machen, weil sie mich in dem Moment gar nicht wahrnehmen, bin ich noch gar nicht gekommen. Da sieht man mal, welche Vorteile das Unsichtbarkeitsgen hat.

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