MUTTER

Ich hab ja gestern schon angedeutet daß ich in einer Selbsthilfegruppe für erwachsene Kinder von Borderline Eltern war. Das war wider Erwarten echt gut. Nix großes Gejammer und Geheule sondern liebevolles ernsthaftes zuhören, zustimmendes nicken fast in allen Punkten und konstruktives reden darüber wie man Dingen begegnen könnte. Das war supernett, tat mir unwahrscheinlich gut und bringt mir viele neue Denkanstöße. Überall begegnen mit zur Zeit Menschen die auf irgendeine Art und Weise mit ihren ähnlich gestrickten Eltern gebrochen haben und in mir sprießt unwahrscheinlicher Neid gepaart mit dem Gefühl der Hilflosigkeit weil ich selber das nicht schaffe. In der Gruppe trauerten einige enorm weil es keinen Kontakt mehr gibt (nach all den Mißhandlungen sehnen sich Menschen nach Kontakt, dieses blöde irre System!!!) und ich kann nur neidvoll den Kopf schütteln. Neidvoll weil ich das auch gerne will. Ja, als Außenstehender ist so vieles immer so logisch und einfach. Selbst für mich wenn ich auf mich und mein Leben blicke. Ich bin stark und ich weiß was ich zu tun habe. Ich sehe wie das Ding funktioniert, was Sachen in mir auslöst und warum ich wie reagiere. Ich weiß inzwischen was normal ist und was nicht. Ich weiß daß ich mein Kind und auch mich schützen muss, aber ich KANN es einfach nicht. Da sind Programme in mir tief installiert die auf Knopfdruck wie auf Autopilot laufen und ich kann nur noch kopfschüttelnd zuschauen was ich da für Blödsinn mache und sage. Und ich ärger mich hinterher immer fürchterlich über mich daß ich so bin.

Heute zB. meine Mutter wünscht das Kind demnächst alleine bei sich zu haben. Sie erpresst uns und das Kind mit einer Schlittschuhbahn die die Kleine so sehr liebt. Genauso wie mit allen anderen tollen Dingen. Erstmal anlocken mit allem was man sich so erwünscht und erträumt und wenn man erstmal schutzlos und alleine dort ist: zuhauen und abstechen. Ich habe beschlossen wenn ich schon nicht brechen kann, zumindest  mein Kind nie wieder alleine dort hin zu lassen, allerdings wollen Kind und Oma das so sehr (ja, mein Kind wurde auch schon passend dazu manipuliert). Ich schaffe es nicht komplett nein zu sagen und daher dieser Kompromiss, von dem allerdings niemand außer meiner beiden etwas weiß daß ich das vorhabe. Ich werfe mich zum fraß vor damit mein Kind geschützt ist. Das ist der Plan und eigentlich ist er total dämlich, denn was bringt es mir?

Unser letzter Kontakt endete übrigens in einem totalen Desaster von dem ich mich heute noch erholen muß. Ich weiß gar nicht mehr ob ich öffentlich darüber schrieb.

Gestern kam nun eine Whatsappnachricht aus heiterem Himmel die da lautet: „Und? hast du mal geschaut wann die Kleine zu uns kommen kann?“

Das ist ja eigentlich nix schlimmes, oder? Eine nette Frage. Aber in Anbetracht der letzten Aktionen und meinem Inneren ist das doch sehr unverfroren. Es ist ein direkter Angriff und nein, ich bin nicht paranoid wenn ich das so sehe. Auch wenn ich mich so fühlen soll. Zudem kommen sie in 3 Wochen her zu meinem Geburtstag und da wäre ein vorheriges Treffen ja nun wirklich nicht nötig. Am liebsten hätte ich geantwortet niemals mehr. Statt dessen springt mein Programm an das parallel zu dem Aufregen darüber läuft. Leider hat das Programm immer noch mehr Macht als ich, aber ich lerne dazu.

Ich habe es gradeso noch mit letzter Kraft geschafft mich gegen das automatisierte sofortige Ablaufen des Programmes zu wehren und bis heute nicht zu antworten, um kurz mit dem Gatten zu reden, rumrufrusten und mich zumindest vorbereiten zu können. Dennoch befahl das Programm unentwegt: „melde dich und beschwichtig, sofort! Biete ihnen etwas nettes an und gib ihnen dein Kind“ Ich hasse es wenn ich nur noch zugucken kann und sehe wie ich in mein Unglück renne. Ich möchte so gerne so viel stärker sein als ich es grade bin. Ich kann nur defensiv und nett im Außen, alles andere hab ich nie gelernt. Aber man kann ja vielleicht auch nett und klar was reißen. Mal gucken.

So rief ich heute an, zum Glück gut vorbereitet mit Terminen die natürlich alle nicht gehen, guten Sätzen und Ausreden, mit Ideen was sie tun wird, mit Terminen im Kopf wann ich zusammen mit der Kleinen da hinfahren könnte und mit einem Aufnahmegerät am Telefon. Ich nehme in letzter Zeit öfter solche krasse Sachen auf um mir hinterher in Ruhe den Irrsinn anhören zu können den ich und sie da machen um ihn irgendwie für mich passend zu bearbeiten. Während des Programmablaufs kann ich mich nämlich schwer wahrnehmen und hinterher erkennen was schon wieder passiert ist und daher hilft mir das.

Okay, ich bin stinkesauer, ich sage mir ich bin stark, konsequent und überhaupt. Ich werde ihr mal meine Meinung geigen. Los gehts! Programmablauf, Autopilot an:

Kurzes Geplänkel. Ich! Ich Idiot lade erstmal meine Eltern freundlichst zu meinem Geburtstag ein (Programm). Ich habe die Feier in einem Schwimmbad gewählt weil ich keinen Bock auf Kaffeetrinken und die in meinen heiligen Hallen habe. Außerdem weiß ich daß die das ganz fürchterlich finden werden, hehe! Irgendwie ist das eine nette Genugtuung und ein tolles Geburtstagsgeschenk für mich. Schließlich habe ich ja Geburtstag und bin Bestimmer und MIR würde das echt Spaß machen. Ist ja auch praktisch mit Kind und OmaOpa dabei. Kann ich auch mal in Ruhe in die Sauna oder so! (ICH) Danach möchte ich essen gehen und berichte daß man von da aus ja auch prima auf die Autobahn zu denen nach Hause kommt.

Treffer, versenkt!

Auftritt meine Mutter: schnaubend, rauschend, schwer verletzt, als sie wieder Worte fand sagte sie: Wie, nach Hause? Wir möchten aber gerne über Nacht bei euch bleiben! (das wäre ja das schlimmste was mir passieren könnte. Grade nach der letzten Weihnachtsaktion als es ja auch um das Thema ging)

Kampf in meinem Inneren, Programm gegen ich, Programm gegen ich…ein schreckliches Gemetzel

ICH habe gewonnen, ich sage tapfer: Nein, das finde ich nicht gut. Ich möchte den Geburtstagsabend gerne alleine mit meinem Mann verbringen und in Ruhe mit ihm ein Glas Sekt oder so trinken (Yeah!!! geschafft!!! Ich bin rotzestolz)

Wut, Schimpfe, Vorwürfe der übelsten Art, das Kind in mir wird niedergetreten, schwer verletzte Furie wütet daß man es nicht in Worte fassen kann.

Zum Glück steht grade mein Mann neben mir und mein Aufnahmegerät in der Hand gibt mir ein klein wenig Sicherheit. Ich halte es aus und bleibe ruhig.

Dann wieder switch zum ruhigen schnippischen Modus meiner Mutter sie würde mal gucken ob sie überhaupt käme. (Ich: juhuu, das wäre ja toll!) Die arme Mutter müsse ja schließlich Mitternacht wieder stundenlang über die Autobahn fahren. Aber sie käme. Aufgelegt! (hmmpft, das soll wohl jetzt die Strafe sein)

Boah Leute, das klingt so nach Kleinkram aber es ist die Hölle für mich. Jedes kleine bißchen Normalität was ich durchsetzen will kostet mich viel zuviel Kraft, oft mehr als ich habe. Warum mache ich sowas? Warum lade ich ausgerechnet an meinem Ehrentag solche Menschen in mein Leben ein? Warum bin ich so blöd? Es sind nur Menschen denen ich absolut egal bin. Es geht immer nur um das Spiel, um den Kampf und darum sich in Szene zu setzen. Ich bin dabei so total egal, ich diene nur.

Ich habe so viele krasse Sachen aus meiner Vergangenheit schon gut meistern können. Sachen die eigentlich deutlich schlimmer und gewaltiger waren, habe ich inzwischen erfolgreich bewältigt. Nur dieses kleine Bändchen zu meiner Mutter kann ich nicht durchschneiden. Das verhindern alle Programme die sie erfolgreich installiert hat und das will ich nicht mehr! Aber ich komme nicht gegenan. Ich kämpfe schon so lange dafür.

Ich werde alles geben diese Dinger zu deinstallieren und dann werde ich auch in Frieden gehen. Zum Schutz meiner Tochter, meiner Familie und auch meiner selbst. Der Preis ist sehr hoch, aber ich bin schon lange bereit meine komplette Familie zu opfern samt aller Menschen die ich von denen sogar mag. Denn die hängen alle viel zu tief mit drin. Ich habe bereits alle anderen Bänder durchschnitten. Ich bin komplett unabhängig, mein Erbe und somit mein Elternhaus ist mir zwar heilig aber schnuppe, ich habe keine Verbindlichkeiten mehr, ich habe keine Liebe mehr für diese Person, ich habe meinen geliebten Vater schon lange nach seinem von ihr inszenierten Selbstmordversuch beerdigt, keinen aus meiner Familie brauche ich mehr und ich kann auf alles und jeden verzichten. Ich habe ein stabiles und gutes Umfeld das mir wohlgesonnen ist. Ich habe einen tollen Partner, guten Rückhalt, ich bin stärker als je zuvor. Jetzt muß ich nur noch einen Weg finden, wie ich mich in den Griff bekomme und diese beschissenen Programme auf Autopilot wegbekomme.

MENNOOOOO!

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8 Kommentare zu “MUTTER

  1. aspiemom sagt:

    schluck…. ich hatte auch so ein Exemplar als Mutter, nur, soweit ich weiß ohne die Diagnose BL, deswegen aber nicht weniger manipulativ. destruktiv und zerstörerisch.

    Ich finde, Du bist auf einem sehr, sehr guten Weg. Alleine dadurch, dass Dir dies alles bewusst ist, dass Du das hier ‚äußern‘ kannst, löst Du dich schon. UND *hey!!!‘ Du bist nicht eingeknickt und hast sie bei Euch schlafen lassen. Ein inbrünstiges ‚Chapeau!!‘ von mir.

    Gefällt 1 Person

    • Frau Anders sagt:

      Danke! Ich fühle mich manchmal noch gar nicht weit und schäme mich doch fürchterlich über diese Abhänigkeiten als erwachsener Mensch und muß glaub ich genau sowas immer mal wieder hören daß es gut ist was ich tue.

      Gefällt 2 Personen

      • aspiemom sagt:

        Immer wieder gerne!
        Ich habe gelernt, dass wir viel mehr loben müssen. Auch Erwachsene brauchen das!
        Deine Scham ist verständlich, denn qua Gesellschaft ist es etwas unglaubliches, Kritik an der Mutter, bzw. den Eltern zu üben, obwohl man schon erwachsen ist (warum Kindern und Jugendlichen dies ausschließlich zugestanden wird, ist mir ein Rätsel). Ich bin davon überzeugt, dass gerade ein Erwachsener viele Dinge logischer Weise besser übersehen kann, verstehen kann und eben auch die menschlichen Abgründe erkennt, auch ein Autist! Oder gerade wir?! Und es ist für mich eine logische Konsequent kritisch damit umzugehen, und/oder den heilsamen Abstand zu suchen. Deine Abhängigkeit ist ebenfalls etwas, was keiner Scham bedarf (was aber auch verständlich ist, dass Du dies empfindest). Gerade wenn man selber Mutter ist, werden einem viele Dinge klar, die man dann doch aufmal seiner Mutter nachsehen kann. ABER: ein derartiges psychologisches Konstrukt bei der eigenen Mutter zu erkennen, bedeutet einen wahnsinnigen Kraftakt, die Abwehr und auch Abscheu ist da. Nur unterdrückt man dies alles, weil es ja die eigene Mutter ist und ‚man sowas nicht denken darf, fühlen darf….’… blah.
        Ich denke, es wird klar, dass ich diese Gesellschaft und ihr Denken wirklich nicht mehr verstehe und ablehne.
        Meiner Meinung nach machst Du keinen Fehler, Dein Weg ist verdammt schwierig, aber Du wirst ihn meistern. Auch wenn es Phasen geben wird, wo Du das Gefühl hast zerbrochen zu sein, was aber erst nur augenscheinlich der Fall sein wird, denn Du wirst erkennen, dass es Dich NOCH stärker gemacht hat!

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  2. kiki0104 sagt:

    Ich kann da nicht mitreden, aber halte durch!!! Lass dich nicht unterkriegen und wenns echt nicht anders geht, mach den Bruch.

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  3. marienkäfer sagt:

    Es klingt überhaupt nicht nach Kleinkram, es klingt nach einer sehr schwierigen Situation und einem riesen Kampf in dir, den ich absolut verstehen kann. Du machst das ganz wunderbar und bist wirklich schon weit gekommen. Besonders toll finde ich, dass du ihr gesagt hast, du möchtest den Abend mit deinem Mann alleine verbringen. SUPER, dass du diesen sehr schweren Schritt geschafft hast, das auszusprechen.
    Kann dich nur ermutigen genau so weiterzumachen, in deinem Tempo. Und besonders schön dass du eine SH-Gruppe gefunden hast in der du dich verstanden fühlst. Außenstehende können so ein Verhältnis zu den Eltern meist nicht nachvollziehen weil sie es einfach nicht erlebt haben, dieses völlig manipulierende und destruktive. Du kannst also echt jede Unterstützung brauchen in dieser Hinsicht.
    Alles Liebe ❤

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  4. blutigerlaie sagt:

    du bist doch schon auf dem Weg …

    Gefällt 1 Person

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