Gesichtsblind? Aber ich ich doch nicht

Tja, so dachte ich 35 Jahre lang von mir. Ich kann ja schließlich Gesichter sehen, erkennen und auch durchaus unterscheiden. Ich habe keine verschwommene Fläche vor mir wenn mich einer anguckt. Außerdem habe ich mich mein Leben lang sehr detailliert und fast fanatisch mit dem Thema Gesichter befaßt. Ich bestehe sämtliche Gesichtstests mit Bravour, ich bin ein Meister der Antlitzdiagnostik, ich erkenne jede Regung und kann sie deuten, ich kann durchaus meine Nachbarn auf der Straße erkennen und grüßen. Ich bin doch nicht gesichtsblind. Das kann ja gar nicht sein. Heute weiß ich daß ich doch Prosopagnostiker bin. Also ein Gesichtsblinder. War die Erkenntnis anfangs eher unglaublich für mich, kann ich heute sehen daß das sehrwohl stimmt. Ich habe mich damals auf die Suche gemacht wie ich so funktioniere und wie das sein kann. Ich erkenne doch Menschen und manchmal sogar zuverlässiger als andere. Wie kann das sein?

Ganz einfach, ich habe meinen Mangel schon von Kindesbeinen an zum Spezialinteresse gemacht. Menschen! Dazu gehört auch das lesen und erkennen von Körpersprache und Gesichtern. Ich habe es geübt und geübt wie nix gutes. Das war für mich auch überlebensnotwendig, denn meine psychisch schwerkranken Eltern waren oft auch sehr sehr böshafte Eltern und es war für mich sehr wichtig so schnell wie möglich zu erkennen wer oder was mir da grade wie gegenüberstand um angemessen reagieren zu können. Jedesmal wenn ich mich vertan hatte, hatte es sehr böse Konsequenzen für mich. So hab ich es durchaus sehr schnell gelernt Gesichter bewußt zu lesen und zu deuten. Also das gesehene mit dem Gelernten abzugleichen um zu interpretieren. Bewußt, das ist der Schlüssel und Unterschied zu anderen. Ich erkenne nichts einfach mal so, ich habe keinen Autopiloten für Gesichter. Ich muß sie mir durch denken mühsam erschließen. Das kostet enorm Kraft und Energie. Daher lese ich Gesichter nur, wenn genug Kraftreserven vorhanden sind oder wenn es wirklich wichtig ist.

Nun würde man denken das würde man doch merken, aber dem ist nicht so. Ich erkenne ja Menschen durchaus auch sehr zuverlässig. Ich grüße Nachbarn die mir im Auto entgegenkommen, ich kann Kollegen, Patienten, Freunde und gute Bekannte jederzeit auseinanderhalten, ich erkenne sogar jahrelang nicht gesehene Bekannte auf einem Konzert 20m vor mir von hinten.

Tja, wie mach ich das bloß? Ganz einfach. Ich kann zu meinem Glück unwahrscheinlich schnell denken und Zusammenhänge bewußt knüpfen. Da ich das aber mein Leben lang arg trainiert habe, spüre ich den Aufwand gar nicht mehr. Vor allem Gesehenes wird bei mir viel schneller verarbeitet und zu einem Ganzen verwurstet als bei anderen Menschen. Ich erkenne jedes Auto und jedes Nummernschild in Buchteilen von Sekunden und kann dann Aktion grüßen starten. Ich erkenne Menschen die ich bereits gut kenne zuverlässig an der Art wie sie sich bewegen. Sie könnten sich auch komplett verkleiden und ich würde sie jederzeit erkennen. Neulich gab es ein Konzert einer neuen verrückten Band deren Mitglieder geheim bleiben wollten, man wußte nur daß sie Mitglieder aus bekannten anderen Bands sind. Sie standen alle Kopfvermummt auf der Bühne und ratet mal, wer als Einziger sofort wußte wer da stand. Manchmal ist das ja durchaus praktisch 😉 Ich gleiche anscheinend Bewegung und gewohnte Optik wie Klamotten/Haare gerne miteinander ab. Je mehr Infos ich bekomme, desto zuverlässiger bin ich. Allerdings strauchel ich auch oft, wenn ich Menschen eben nicht so gut kenne oder nicht weiß wie sie sich bewegen, sie plötzlich neue Haarfarben haben, andere Klamotten tragen oder ich sie in einem nicht passenden Kontext treffe wo sie eigentlich nicht hingehören.

Da kann es sein, daß ich meinen Besuch den ich nur aus dem Internet kenne trotz massenweiser aktueller Fotos nicht am Treffpunkt erkenne oder maximal die Klamotten der rumstehenden Leute durchscanne um ihn zu erkennen. Ich erkenne den Postboten nicht beim einkaufen, der seit vielen Jahren ganz zuverlässig und freundlich täglich meine vielen Pakete ohne murren bringt, ich vertue mich ständig in Menschenmengen und grüße wildfremde Personen, weil so viele Bewegungszwillinge rumrennen und wenn dann auch noch die Haare annähernd gleich sind, läuft halt Reaktion grüßen wieder automatisch ab. Menschen an denen ich wenig Interesse habe, lose Bekannte, Freunde von irgendwem etc. die erkenne ich manchmal auch nach Jahren nicht immer zuverlässig. Gerne führe ich auch seltsame Smalltalkunterhaltungen (ja, hey…ich beherrsche Smalltalk mit Bravour und das als Autist!) mit Menschen von denen ich keinen Schimmer habe wer sie sind. Ich versuche dann im Gespräch immer irgendwelche Informationsbrocken herauszubbekommen ohne aufzufliegen. Selten bekomme ich die und so grübel ich oft tagelang mit wem ich die ganze Zeit wohl so nett geredet haben könnte und wie ich bloß reagiere wenn ich diesen Menschen wiedertreffe oder er mich auf unser Gespräch anquatscht.

Tja, was mach ich nun damit?

Weitermachen, denn es läuft ja eigentlich ganz gut. Gibt schließlich schlimmeres im Leben und manchmal ist es auch durchaus hilfreich so zu sein. Ich erzähle es möglichst oft und offen daß ich Schwierigkeiten habe, Gesichter zu erkennen und daß man mich doch bitte ansprechen soll und ansonsten lebe ich damit. Ich versuche Menschen beim einkaufen und ähnlichem nicht anzugucken, dann kann niemand sagen ich hätte ihn ja erkennen müssen. Ich kann mich jederzeit auf, huch…ich hab sie gar nicht gesehen berufen. Ich werd ja oft eh als Schussel und Tüddeltante von außen angesehen, da verzeiht man mir recht schnell so ein paar kleinere Fehltritte. Ansonsten versuche ich bei fachlichen Treffen vorab so viele Fotos der Personen als möglich anzuschauen die ich im Internet finden kann um sie mir einzuprägen.

Also wenn wir uns mal treffen sollten, einfach anquatschen oder vorab Fotos von den Klamotten die man aktuell trägt schicken.

 

 

Mir ist noch hinterher ein bißchen dazu eingefallen: Nachtrag Gesichtsblindheit

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7 Kommentare zu “Gesichtsblind? Aber ich ich doch nicht

  1. Marlene sagt:

    Hallo Frau Anders,
    das ist ja spannend, dass du das so lange so toll hingekriegt hast, dass du es nicht einmal selbst bemerkt hast! Ich finde deine Strategie ganz richtig, sag es den Leuten offen, erklär auch für die, die nicht wissen, was Gesichtsblindheit bedeutet, wie das funktioniert und die meisten werden es ja wohl verstehen, wenn sie mal nicht gegrüßt werden. Darüber bloggen schärft bei anderen ja schonmal das Bewusstsein!
    Wenn es dich beruhigt, geht es mir auch oft so, dass ich Leute in ungewohntem Kontext schwer einordnen kann und dann unbeholfen smalltalke. Manchmal hab ich Glück und ich merke im Verlauf des Gesprächs, mit wem ich eigentlich plaudere 🙂
    Viele Grüße,
    Marlene

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  2. Oh das kenne ich. Ich erkenne Menschen, die ich gut kenne, schon auf 100 Meter Entfernung im Halbdunkel am Gesamtbild, also Körper und Bewegung. Oder auch an typischen Geräuschen (Gang, Husten, Lachen..), wenn ich sie noch gar nicht sehe.
    Aber als mich ein Bandmitglied, den ich durchaus schon persönlich kannte, auf einem Festival mit „hey, cooles T-Shirt“ (von eben genau jener Band) ansprach, habe ich ihn nicht erkannt, nur was von „hmm, danke“ gemurmelt. Ich habe mich dann später im Camp mit „Halbschlaf, noch kein Kaffee“ rausgeredet..

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  3. blutigerlaie sagt:

    Wie gut ich das kenne. Ich bin auch erst über das BEgreifen von Asperger dahintergekommen. Kontaxtabhängig, ja, aber hallo! Ich hab generell begriffen, daß ich Frauen noch schwerer erkenne (und, Gott bewahre, die Freundinnen meiner Tochter früher, alle lange blonde Haare :-/ ) und ich weiß bis heute nicht, wie ich Menschen wiedererkenne. Ich wünsche dir, was bei mir schwer ist, weil mein Mann zB das auch nicht annähernd nachvollziehen kann wie das ist, daß du in deinem Umfeld damit akzeptiert wirst!

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    • Frau Anders sagt:

      Danke! Mein Umfeld kennt mich ja schon lange als Tüddeltante die oft Schwierigkeiten hat Menschen zu erkennen. Dabei belasse ich es auch. Ich denke zuviele Informationen sind da gar nicht nötig. Meinem Mann erkläre ich oft meine Welt und meine neue Weltsicht, ob es ihn interessiert oder eben nicht. Einzig für mich ist es wichtig zu erkennen was da los ist und wie ich es umgehen kann um klarzukommen. So ganz hab ich es auch noch nicht raus, woran ich nun genau die Leute erkenne die ich erkenne. Da gibts noch viel zu forschen. Aktuell grübel ich auch noch in dem Zusammenhang über das Thema Alexithymie nach. Das kann ja eigentlich auch nicht sein, ich erkenn doch so viel bei anderen…aber frag mich mal nach meinen aktuellen Gefühlen. Da fällt mir nix ein, maximal gut-schlecht-weißnicht

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  4. blutigerlaie sagt:

    LOL jetzt hab ich den Nachtrag mit den Kita-Mädels gerade noch gelesen 😀

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  5. irreshuhn sagt:

    Ach. Das klingt total bekannt! Ich habe auch schon überlegt ob ich zumindest ein bisschen Gesichtsblind bin- gibt es das überhaupt?- weil ich halt Leute auch nicht erkenne wenn sie eine andere Frisur haben oder anderen Klamottenstil. (Arbeitsklamotten und Freizeotklamotten, da liegen ja oft Welten zwischen!!)

    Ein Freund hat mal Gel in den Haaren, mal nicht, und weil ich ihn kennengelernt habe mit Gel in den Haaren brauche ich immer eine Weile, um ihn ohn ezu erkennen. Und dann wundere ich mich jedes mal so sehr darüber, dass ich kaum zuhören kann was er so sagt… Ich starre ihn dann an und versuche herauszufinden, warum ich immer so lange brauche um ihn zu erkennen, weil die Gesichtszüge ja immer gleich sind. Und dann schaue ich mir alles genau an, und verpasse was er sagt ^^

    Andere erkenne ich IMMER, den Gatten, den besten Freund, beste Freundinnen. An der Statur, an den Bewegungen. Und im Gesicht selber am Mund und den Zähnen.

    Aber ist das gesichtsblindheit?

    ich habe so online Tests gemacht wo man Leute erkennen sollte, alles bekannte Personen. Man konnte nur die Gesuchter sehen. Alle, die ich auch wirklich kannte, habe ich erkannt. Heißt das nun, dass ich nicht Gesichtsblind bin?
    Ich habe dann alle immer nur halb angeguckt, mal nur Augen, mal nur Mund. Ichglaube, ich bin… äh… Augenblind ^^. weil ich mich beim Unterhalten immer auf den Mund konzentriere und das dann einpräge.

    Und überlege auch ob ich jetzt nur gelernt habe das zu kompensieren oder ob ich einfach schusselig bin oder wie oder was.

    Schusselig bin ich übrigens auch mit Vorliebe, um Leute nicht zu sehen, und die Strategie wegzugucken habe ich auch. Neulich wurde ich aber gegrüßt von jemanden, die ich nicht einordnen konnte, die mir aber gaaaaaanz vage bekannt vorkam, und wusste nicht ob ich freudig grüßen musste, oder nur kurz nicken, „Hallo wie geht’s Dir“ sagen eher „Wie geht es Ihnen?“
    Ich… äh… bin dann schnell weitergegangen *hüstel*

    Oh. Romane geschrieben. ^^
    ist aber auch ein spannendes Thema!

    Liebe Grüße
    Das Huhn

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