Wie war das nochmal mit dem Körperkontakt?

Da sind sie wieder die Worte, denn ich habe ein Thema über das ich schon ganz lange mal schreiben wollte.

Wer hat eigentlich behauptet, Autisten darf man nicht berühren? Kein Wunder daß daraus irgendwann die Mär entsteht daß die auch keinen Sex haben. Ich kenne natürlich einige, die sich da durchaus schwerer tun als ich aber dennoch gilt auch da wieder der Satz: Kennste einen Autisten, kennst du aber auch grade einmal einen. Hey, es gibt auch Normalos die dieses oder jenes nicht mögen. Schließt man deshalb immer gleich auf alle Menschen???

Ich kann natürlich immer nur ausschließlich für mich sprechen und mein Empfinden wiedergeben, aber vielleicht sollte man auch mal jemand berichten der einfach durchaus gerne kuschelt mit allem drum und dran.

Ja, ich habe durchaus sehr gerne Körperkontakt, kuschel für mein Leben gerne und habe auch gerne Sex. Aber nur wenn dieser Körperkontakt freiwillig ist und von mir innerlich quasi ersteinmal offiziell einem anderen gegenüber genehmigt wurde. Das muß nicht immer ewig verbal abgestimmt worden sein und bedarf auch nicht immer tiefster innigster Freundschaft, aber irgendwie gibt es manchmal zwischen 2 Menschen eine Art stumme Übereinkunft daß es völlig okay ist und dann ist es auch wirklich okay. Eine Art Passierschein den man einmal ausstellt und der dann immerwährend gilt. Menschen die mir sehr nahe stehen, mein Mann, mein Freund, mein Kind, meine verschiedensten Freunde dürfen mir daher jederzeit ungefragt nahe sein. Sie dürfen mich spontan umarmen, dicht neben mit sitzen, mir in den Haaren rumwuscheln, mit mir kuscheln oder was auch immer. Ich bin da völlig entspannt. Ich brauch das gradezu diese körperliche Nähe zum Wohlfühlen und genieße es dann auch sehr. Ich könnte zB. ewig mit anderen rumkuscheln und frag mich schon länger warum man das eigentlich so selten mit Freunden macht.

Aber es gibt natürlich auch Dinge aus dem Bereich die ich als sehr unangenehm empfinde. Das geht eigentlich schon damit los, wenn Wildfremde, Arbeitskollegen oder Menschen die ich nicht mag in meinen persönlichen Schutzradius ungefragt eindringen. Wobei, ich habe eigentlich nicht nur einen sondern mehrere imaginäre Kreise um mich herum. Eigentlich sind es eher Ovale als Kreise, die an den Seiten schmaler sind als vorne und hinten. Seitlich darf man mir also minimal näher kommen als von vorne oder hinten. Der ganz innere allerintimste Kreis liegt je nach Tagesform so durchschnittlich irgendwie im Radius bei 50cm-1m um mich herum. Da darf wirklich nicht jeder rein und jedes absichtliche Eindringen erzeugt in mir Angst mit einer Art panischen Fluchtreaktion oder auch manchmal immense Wut und Aggression gegen diesen Menschen. Da reicht es schon, wenn ich Menschen zur Verabschiedung umarmen muß bei denen ich das sonst nie tue. Wie gesagt, Menschen mit einer Art von mir ausgestelltem Passierschein lösen rein gar nichts aus. Im Gegenteil, manchmal ist es sehr schön sich so nahe zu sein.

Dann gibt es noch eine Art Zweitradius bei umrum 3-5m. Irgendwie ist das so eine Standart Zimmergröße. Da gerät man als anderer Mensch im Alltag natürlich schon mal schneller rein. Seie es beim vorbeilaufen an einer Person auf der Straße, beim betreten eines Busses oder beim zusammenarbeiten mit Kollegen. Da macht die Dosis das Gift. Eine mir bisher unbekannte Anzahl X an Personen in diesem Kreis am Tag ist schon völlig okay. Es ist nicht wirklich toll, aber es ist okay. Es ist mir natürlich immer noch irgendwie unangenehm und könne ich wählen würde dieser Bereich auch immer frei bleiben von fremden und doofen Menschen, aber ich ertrage es durchaus über den Tag recht gut in normalen Mengen. Habe ich aber einen Tag an dem ich mich morgens schon nach dem Gewusel im Kindergarten durchs überfüllte Einkaufszentrum schiebe um nachmittags in einem vollen Wartezimmer eines Arztes zu sitzen,  reicht meine Kraft zum ertragen kaum mehr aus für den Rückweg mit dem Bus und ich lande in einem Overload.

Also immer schön gucken daß man von Anfang an die Menge so gering wie möglich hält um für den Tag mit all seinen ungeplanten Überraschungen noch Kapazitäten nach oben hin offen zu haben. Ich gehe im Kindergarten nun immer im ruhigen und leeren Hintereingang rein, statt quer durch zu laufen und auf zig Menschen zu treffen. Ich fahre Auto statt Nahverkehr, ich bemühe mich soweit möglich nur eine größere Aktion am Tag zu machen. Also entweder Arzt, oder Einkaufen.

Naja und solange man sich von Idioten fern hält und vermehrt mit tollen Menschen mit Passierscheinen beisammen ist, dann klappts auch mit dem kuscheln und niemand merkt daß ich manchmal ganz heimlich und tief in mir drin ein Problem damit habe- nichtmal ich.

Also bei mir ist das zumindest so.

*mal alle Leser virtuell durchknuddel*

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10 Kommentare zu “Wie war das nochmal mit dem Körperkontakt?

  1. Forscher sagt:

    Gut beschrieben. Diese Grenzen habe ich auch. Ebenso den Bedarf (eher Sehnsucht) nach Körperkontakt. Aber von sich aus weiß ich nie, welche Berührungen ok sind.

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  2. Ich bin kein Autist, aber der Artikel trifft sehr ähnlich auch auf mich zu, der einzige Unterschied ist der dass die Abstände kleiner sind.
    Den virtuellen Knuddler gebe ich gerne zurück 🙂

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  3. ellenkamika sagt:

    Das mit den Kreisen ist gut geschrieben, dass kann ich absolut nachvollziehen ^^

    Ich habe einen noch innereren Kreis, sozusagen, das ist das Gesicht. Da darf so gar niemand dran, in intimen Momenten der Gatte, aber bitte auch nicht zu viel, und wenn ich wirklich gut drauf bin, dann dürfen die Kinder dran, Wangestreicheln, Nase stupsen, küsschen geben. Oder Gesicht an Gesicht kuscheln, aber die Hände bleiben WEIIIIIIT weg, das geht auch noch. Sonst aber NIEMAND.
    Wenn ich überreizt bin, dann schlage ich auch schon mal Hände weg, die in meinem Gesicht herumwischen, das geht so gar nicht!!

    Uuuuuuuh, und wir haben übrigens eine Nachbarin, die immer beim lästern (denn sie tut nicht viel anderes) weniger als Armeslänge vor einem steht. Uaaaaaaah, ekelig!! Außerdem berührt sie einen immer am Arm beim reden… muss man nicht extra dazu sagen, dass ich die nicht mag, oder?
    (Immerhin tatscht sie mir nicht im Gesicht herum 😉 )

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    • Frau Anders sagt:

      Ja, ich hab da auch noch so ein paar mehr Zwiebelringe. Gesicht und Hals sind auch bei mir gaaaaanz gaaaanz spezielle Zonen. Wobei meine Tochter und mein Mann inzwischen echt einen ultimativen Passierschein für alles haben.

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  4. ellenkamika sagt:

    Ha, und ich stelle grade fest, dass ich total ein Bedürfnis habe, alles aufzuschreiben über meine selbstgestellte Diagnose, und wie es mir geht, was ich so erlebt habe, warum ich der Ansicht bin, Autistin zu sein… aber ich traue mich nicht, in meinem eigenen Blog zu schreiben. Ich sage das noch niemanden, ich bin einfach die etwas eigene und manchmal seltsame Frau, die man mag oder mit der man nix anfangen kann… und denke, dass es mir manches einfacher machen würde, wenn andere bescheid wüssten. Oder schwerer, weil niemand was damit anfangen könnte. Ich weiß es nicht…
    Meine engsten Freunde wissen bescheid, aber bei denen ändert sich ja eh nichts an der Freundschaft (außer dass sich mein bester Freund ebenfalls „Geoutet“ hat und bei sich Asperger vermutet 😉 )
    Ich überlege, jetzt noch einen „geheimen“ Blog anzufangen, anonym, bzw nicht im Zusammenhang mit meinem bisherigen Internetauftritt, damit meine komischen Sachen so aufschreiben kann. Aber ich weiß noch nicht, ob iich mich traue. Warum ist das eigentlich so schwer, wenn es für mic h selber doch eigentlich so erleichternd ist?

    Naja, Das musste ich grade auch nur irgendwo loswerden.

    Du regst mich mit Deinem Blog an, über mich selber nachzudenken, deswegen lese ich sehr gerne bei Dir! (Und deswegen bekommst Du grade die ungefilterten Gedankenergüsse ab 😉 )

    Liebe Grüße
    Katha

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    • Frau Anders sagt:

      Ich blogge sonst auch recht öffentlich zu diversen anderen Themen. Aber ich habe mir hier eine komplett neue Identität erschaffen und wirklich niemand den ich kenne oder der mich virtuell begleitet hat in meinem Leben kennt diesen Blog. Das fühlt sich wahnsinnig gut und befreiend an. Hier kann ich einfach alles fast ungefiltert in den Äther „rotzen“ und mir somit meinen Kopf enorm erleichtern. Ich lese zB. niemals einen Beitrag vor dem abschicken ein zweites Mal durch oder korrigiere nochmal schnell etwas. Es ist das reine manchmal wirre Zeugs wie es aus meinem Hirn an die Tasten gerät. Mit allen Fehlern, doofen Formulierungen und so. Einfach nur raus! Genau das ist es was mir so verdammt gut tut. Ich bin immer wieder erstaunt daß das sogar Leute lesen und daß der ein oder andere das sogar gut findet. irre! Also ich kann dich nur ermutigen es zu tun. Bei mir hilft schreiben enorm beim denken. Es ist ein tolles Ventil!

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      • ellenkamika sagt:

        Ich glaube, grade Deine ungefilterten Gedankenergüsse machen es so „echt“, bei Dir zu lesen, außerdem bist Du quasi in meiner Situation, aber schon einen Schritt weiter. Du hast Dich Gedanklich damit befasst, womit ich mich grade erst zu befassen traue.
        Und ich werde bloggen. Sobald ich es auf die Reihe bekomme, einen neuen Blog aufzustellen, der NULL mit meinen alten Internetauftritten zu tun hat 😉 (WordPress möchte immer alles mit meinem anderen Account verbinden o.O 😉 )

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      • Frau Anders sagt:

        Dann schieb aber bitte auch mal den link rüber. Ich hab mir übrigens eine neue Emailadresse samt Konto hier gemacht. Damit ging es dann daß er nicht immer verbinden wollte. Man muß nur aufpassen unter welchem Account man kommentiert und so

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  5. ellenkamika sagt:

    Mann, jetzt habe ich versucht, hier mit dem neuen Account zu posten, aber es klappt nicht. hmpf. Dann kommt der Link halt so: https://irreshuhn.wordpress.com/
    Sogar schon mit erstem Beitrag! ^^
    Bin sehr gespannt wie sich das entwickelt…

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