grübelgrübelgrübel…

Wer bin ich eigentlich und wer nicht und wer hat denn jetzt nun eigentlich Recht? Das alte oder das neue Ich?

Wenn ich andere so sehe und lese denke ich, ich komme glaub ich recht gut klar nach 35 Jahren Normalität nun zu erkennen Asperger zu sein. Dennoch ist es bei allem was es für mich positives bringt auch sauschwer zu ertragen und zu kapieren. Es wirft mein ganzes Leben, meine ganze Vergangenheit und mein ganzes Selbstbild was ich mir in 35 Jahren mühsam erschaffen hatte durcheinander. Nein, nicht nur durcheinander, alles ist einfach komplett anders als zuvor. Das verwirrt mich eigentlich am meisten. Wie kann man Dinge für sich selber sooooo falsch sehen??? Alles ist nämlich nicht nur anders, sondern in fast allen Fällen genau das Gegenteil von dem was ich annahm. Ein Beispiel? Ich dachte immer mein Leben lang ich fühle mich in Gesellschaft anderer Menschen pudelwohl und wenn ich nur noch mehr Gesellschaft hätte, ginge es mir sicher besser als es mir aktuell geht. Ich schob mich regelmäßig durch düstre überfüllte Clubs und Kneipen, war auf jeder Feier dabei, große Menschenmengen waren mein zu Hause, seie es auf Festivals oder Fußballspielen und ich lechzte immer nach Gesellschaft anderer Leute. Am liebsten 24/7. Bloß nicht eine Minute irgendwo alleine rumhocken, denn dann gehts mir ja sicher schlecht. Heute weiß ich, daß das alles totaler Blödsinn war. Ich kann die Gesellschaft anderer nur dosiert ertragen und je mehr davon auf mich einströmt, desto mehr raubt es mir meine Kräfte und macht mich kaputt. Was für ein Wunder daß es mir damals seelisch immer voll schlecht ging! Aber ich war einfach blind. Meine heutige Sichtweise und somit Realität ist quasi genau andersherum zu dem, wie ich sie 35 Jahre lang eingeschätzt habe und gelebt habe. Und das Schema daß heute alles genau andersherum funktioniert oder ist als früher angenommen kann ich tatsächlich auf fast alles legen was mir einfällt. Seie es für was für einen Menschen ich mich eigentlich so halte, seien es all meine Stärken, Schwächen und Charaktereigenschaften. Heute bin ich quasi das Positiv vom Negativ was ich immer lebte. Hey, das fühlt sich echt scheiße an und kann einen schon schwer verwirren.

Ich frag mich immer wieder, das kann doch nicht alles falsch gewesen sein? Ich habe es doch damals sogar irgendwie genossen und ich will doch auch gar nicht der autistische menschenscheue Stubenhocker sein. Ich bin gefangen zwischen Anspruch und Können. Oder war ich es früher einfach nur gewohnt und tat das was alle taten und ich kein Alternativmodell kannte? Auf jeden Fall habe ich damals viel Zeit damit verwand zu irgendwie zu kapieren was bloß mit mir los seie und es ging mir hundsmiserabel. Ich war stockendepressiv, suizidal, rauchte, trank, nahm Drogen, machte leichtsinnige Dinge, umgab mich bevorzugt mit Menschen die mir schadeten, ich bin zB. auch regelmäßig ohne Vorwarnung umgefallen, bevorzugt auf Konzerten. Man schob es auf Alkohol, lange stehen, whatever. Heute würd ich mir das mit einem klassischen Shutdown durch all die Überforderungen erklären der mich ja tatsächlich körperlich wie geistig von jetzt auf gleich komplett ausknipst. Ich war einfach total neben der Spur, in allem. Aber ich war dafür auch eine echt coole Sau und habe viele tolle Dinge erlebt die mir heute zum Teil sehr fehlen.

Heute bin ich anders, eigentlich voll langweilig. Heute geht es mir dafür aber seelisch besser. Ich erkenne langsam immer deutlicher,  wenn ich wirklich ich sein und mit mir in Frieden auskommen will, muß ich noch weiter zu einem Menschen werden der ich gar nicht sein will aber bin. Halb so, halb so sein und sich überall die Rosinen rauszupicken versuchen funktioniert einfach nicht. Noch lebe ich so, aber ich befürchte es reicht nicht. Ich muß einfach in Zukunft noch besser mit meinen Kräften haushalten, sie schlau einteilen, kürzer treten, ruhiger leben, mich mit anderen Menschen umgeben und vielleicht sogar in meinem Job was ändern. Blöde Sache! Das will ich doch gar nicht und irgendwie doch. Es fühlt sich ja eigentlich ganz gut an, dieses neue Leben. Aber es klingt Hölle langweilig und das mir als steter und bunter Geist. Ich habe aber auch sehr große Angst alles zu verlieren was mir durch mein altes Leben wichtig geworden ist.

Ganz vorne an stehen da Menschen. Menschen die mich mögen weil ich so bin wie ich ähm „war“. Menschen und Freunde die in meinem Herzen wohnen die auch ich sehr schätze und liebe. Ich frage mich immer wieder, mögen diese Menschen auch Menschen die total das Gegenteil von dem sind was sie so sehr schätzen? Wäre es wirklich verwerflich, wenn sie dann nicht mehr zu mir halten wenn ich komplett anders bin? Schließlich habe ich ihnen ja mein Leben lang ohne Absicht falsche Tatsachen vorgespiegelt, während sie immer echt waren und nur drauf reagiert haben. Ich würde ihnen keinen Vorwurf machen, wenn sie gehen. Wünschte mir aber daß sie bleiben. Vielleicht muß es die Zeit zeigen…

Mir tut vor allem mein Mann manchmal echt leid. Der hat ja nichtmal geahnt was er da für eine Person geheiratet hat. Er ist der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich habe supergroße Angst daß das was immer so großartig zusammengepaßt hat, nun irgendwann nicht mehr passen könnte weil ich mich so stark verändert habe. Nicht unbedingt zum positiven was unser Miteinander angeht. Das glaube ich zumindest. In einigen Dingen passe ich plötzlich gar nicht mehr mit ihm zusammen, wo es immer megastimmig war. Wenn es andersherum wäre, und er sich so arg verändern würde wüßte ich nicht wie ich damit umgehen sollte. Schade daß er es so gar nicht so mit dem reden hat, sonst könnte man einiges sicher klären.

Alles doof…

Advertisements

5 Kommentare zu “grübelgrübelgrübel…

  1. blutigerlaie sagt:

    weiß nicht, bei mir ähnlich, nicht so krass, aber ich kenn auch viele Dinge wo ich nach der diagnose und mit veränderter Selbstwahrnehmung denke: wie bin ich da nur auf die Idee gekommen?
    Aber ich erleb mich nicht als komplett anders. Und wenn ich meinen Mann bedauere, daß er plötzlich eine Autistin zuhause hat, meint er auch, ich wär doch die Gleiche wie vorher…
    Nur der Trost, den ich früher hatte, daß sich manche Macken auswachsen könnten, den hab ich nicht mehr, das istmanchmal echt hart

    Gefällt mir

  2. Hallo,
    ich lese jetzt einige Zeit hier mit, habe bisher aber noch nicht kommentiert, weil irgendwas nicht geklappt hat mit der Technik. Nuja, jetzt versuche ich es einfach von einem anderen Account aus 😉

    Ich kann das wirklich nachvollziehen, was Du da schreibst! Wir sind grade dabei, meinen großen Sohn auf Autismusspektrumsstörung zu testen, und darüber bin ich darauf gekommen, dass ich auch Autistin sein könnte (Naja, eigentlich schon lange vorher, aber meine Vergeichs-Mitaustisten waren alle SO anders als ich, dass ich es wieder abgetan habe).
    Ich habe es nicht testen lassen, bin mir auch noch nicht sicher ob das nötig ist oder nicht, aber seitdem ich mir das sozusagen offen eingestehe geht es mir viel besser und viele Sachen aus meiner Jugend erklären sich plötzlich,,,
    Obwohl mir Menschenmengen ein Gräuel sind war ich oft auf Konzerten und habe es genossen, auf Parties war ich aber nur ungerne. Jetzt weiß ich auch warum… auf Konzerten muss man nicht mit Leuten sprechen, sondern ist da um Musik zu hören- Unterhaltungen gehen wegen der Lautstärke eh nicht.
    Irgendwann ist es dann etwas anders geworden, Konzerte wurden weniger, und ich bin in eine Gruppe von Individualisten gekommen- jeder hatte quasi eine Macke, irgendwie 😉 Und wir kamen super klar. Freunde aus meiner „wilden“ Zeit sind nicht viele geblieben, dafür – das erste Mal in meinem Leben- undglaublich viele neue richtige Freunde, die geblieben sind .

    Ich weiß also quasi nicht, wie Deine Freunde reagieren werden, wenn Du nun plötzlich… „langweilig“ bist- aber wenn es echte Herzfreunde sind sollten sie auch bleiben, und eine Veränderung verstehen…oder?

    Ich habe noch Fragen an Dich… weil ich auch grade nicht weiß wen ich sonst fragen soll, Du erscheinst mir als passendes Vorbid, Beispiel ;-)… ich werde dieses jahr auch 35, und wie ich ja schon sagte habe ich mich noch nicht diagnostizieren lassen. Ich bin mir unsicher, ob es noch sinnvoll ist das jetzt zu machen oder nicht. Ich meine, die schlimmste Zeit für mich ist vorbei, ich bin in der Gesellschaft integriert, weiß was ich kann und was nicht- was ändert eine Diagnose im Endeffekt FÜR MICH? Für Dich hat sich ja sehr viel geändert, wenn man das so liest, vor allem das Selbstverständnis. Aber ich habe das Selbstverständnis schon, auch undiagnostiziert, und mir geht es dadurch SO viel besser. Kann es durch Wissen (ob oder ob nicht, ist ja immer noch die Chance, dass ich mir alles nur einbilde 😉 ) noch sehr viel anders werden?
    Und überhaupt, wie geht man da als Erwachsener vor? Über die Diagnosephase beim Kind? (Ist im Moment so meine Idee…) Oder geht man zum Hausarzt und sagt: „Hömma, ich glaub ich bin Autist, mach ma wat!“ 😉

    Sorry wenn das ein bisschen viel war für einen ersten Kommentar… aber ich bin doch so neugierig 😉

    Liebe Grüße
    Katha

    P.s.: Weil es nicht anders geklappt hat mit dem Anfügen des Blogs, hier meine Blogadresse: http://www.maufeline.de
    Für ein Gesicht hinter dem Kommentar 😉

    Gefällt mir

    • Frau Anders sagt:

      Huhu! Danke für deinen Kommentar. Ich empfinde die offizielle Diagnose auch nicht mehr als nötig, weil ich mir wirklich 100%ig sicher bin. Ich bin angekommen und hab nun eine Idee wie ich alles um mich herum nun einsortieren und bewerten kann. Es würde sich nichts ändern. Allerdings wirke ich im Außen doch sehr unautistisch, eher wie das Gegenteil dessen was man autistisch nennt und ich glaube daß ich genau dafür eine Diagnose brauche. Ich verspreche mir mit diesem Zettel etwas in der Hand zu haben um nicht mehr leidlich darüber diskutieren zu müssen OB das überhaupt möglich sein kann und OB ich es mir nicht nur einrede, sondern eine offizielle Grundlage für all die Menschen schaffe (die eher Ärzten glauben als mir) auf der man mit den Leuten reden kann WIE das denn so ist statt dieses ewigen OBs. Ich will mich einfach nicht mehr rechtfertigen müssen vor Autisten als auch vor Nichtautisten und ich glaube dies wäre ein recht einfacher Weg. Keine Ahnung ob er funktionieren wird. Ich werde berichten…Ich habe lange hin und herüberlegt und habe mich dann lange über passende Menschen die auch Erwachsene diagnostizieren informiert, ebenso über die Konsequenzen (ich sag nur Berufsunfähigkeitsversicherung die einen dann nicht mehr nimmt). Ich habe selber Kontakt zu den Diagnostikstellen aufgenommen und mit denen geklärt wie das so funktioniert. Also ganz ohne Hausarzt. Ich werde jetzt meine Diagnostik bei einer sehr sympathischen und als real gut bewerteten Koryphäe im Erwachsenenbereich durchführen lassen die sich nach eigener Aussage auskennt mit Autistinnen die nach außen hin sehr funktionell normal wirken.Ich werde all das übrigens komplett privat zahlen und dann einen ausführlichen Bericht in meiner Tasche verschwinden lassen ohne daß er irgendwo aktenkundig wird. Ich brauch schließlich noch die ein oder andere Versicherung und so. Wenn ich ihn mal brauchen sollte, kann ich ihn jederzeit überall einreichen, damit andere brav davon abschreiben und ihre *hüstel* eigenen Diagnosen stellen. Wenn nicht, auch gut.

      Gefällt 1 Person

  3. 6083mit sagt:

    Hallo,

    ich muss ehrlich sagen, dass ich es sehr schlimm finde, dass frau erst kaputt sein muss um eine coole Sau zu sein!!

    wie hast du es geschafft den Drogen und dem Alkohol zu entkommen? Und warum willst du dass es dir schlecht geht? Wie kann ich dir helfen, aufzuhören, s dich nach deinen kaputten Zeiten. Zu sehnen??

    Gefällt mir

  4. apfelbub sagt:

    Ich glaube, diese Vita haben viele Autisten. Erstmal alles testen, was sich so anbietet um dann einen Gang zurückzuschalten und sich auf das zu besinnen, was einem wirklich gut tut. Kenne das übrigens auch von mir. Auf manch Phase bin ich nicht wirklich stolz. *räusper

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s