Brief an einen Autisten

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Es wurde aufgerufen einem 10 jährigen autistischen Jungen mal einen Brief zu schreiben wie das eigentlich so war als 10 jähriger Autist. Er schämt sich wohl sehr autistisch zu sein. Das ist doch voll blöd sich für so etwas großartiges zu schämen und daher bin ich natürlich dabei:

Hallo du unbekannter Junge!

Du hast ganz schön viel Post hier durchzulesen, aber es ist bestimmt total toll soviele nette Briefe zu bekommen. Auch ich mag dir gerne ein paar Zeilen schreiben. Ich bin eine 35 Jahre alte Frau und weiß erst seit 2 Jahren daß ich Autistin bin. Jetzt hat das was mich schon seit ich denken kann von anderen unterscheidet einen Namen. Ist schon ganz schön krass wenn man das erfährt und gar nicht weiß was das eigentlich ist und warum ausgerechnet man selber denn sowas haben soll. Mit 10 Jahren wäre mir das bestimmt auch oberpeinlich gewesen, aber schlimm ist das eigentlich gar nicht wenn das was man ja sowieso ist einen ganz bestimmten Namen bekommt. Das ändert ja nichts an dir als Menschen, gibt einem aber ein Wort und somit auch die Möglichkeit sich darüber genauer zu informieren.

Ja, ich will dir unbedingt schreiben. Nur was eigentlich? Ich kenne dich doch gar nicht. Ich habe mir nun also den ganzen Tag meinen Kopf förmlich darüber zerbrochen was ich da bloß schreiben kann und wie das eigentlich so mit 10 Jahren war. Was soll ich sagen, mir fällt eigentlich nichts ein oder nur irgendwie doofes weil das eine echt beschissene Zeit für mich damals war die ich krampfhaft versucht habe zu vergessen. Ich habe ständig versucht dazuzugehören, Dinge wie andere zu tun, Freunde zu haben oder zu bekommen und wünschte mir nichts sehnlicher als so behandelt zu werden wie die anderen und all das schlug ständig fehl. Ich sah immer die Mädchen die Hand in Hand wie die besten Freundinnen von der Schule zu einem von den beiden nach Hause zum spielen gingen. Mit mir wollte niemand spielen und dabei habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht. Höchstens wenn sonst keiner da war war ich anscheinend gut genug. Ansonsten wurde ich entweder geärgert oder übersehen. Ich war in der Schule von den Noten her anfangs richtig gut, wurde dann von anderen als Streber gehänselt. Dann hab ich versucht bewußt schlecht zu sein wie alle anderen und wurde dumm genannt. Was ich tat war nicht richtig. Ich habe wirklich alles versucht möglichst nett zu allen zu sein, die selben Interessen wie sie zu haben, habe so getan als höre ich die selbe Musik und so. Aber niemand hat mich „gesehen“. Für andere war ich im besten Fall unsichtbar. Und da ich unsichtbar sein zumindest besser fand als ständig gemobbt und geärgert zu werden hab ich mich irgendwann sehr zurückgezogen und blieb für andere unsichtbar. Ich habe kaum noch etwas gesagt, bin nicht mehr auf andere Kinder zugegangen, habe nichts preis gegeben von dem was ich alles weiß und was mich so beschäftigt. Ich wurde ein richtig trauriges und stilles Mädchen. Dabei bin ich eigentlich ein superfröhliches Kind gewesen das gerne mit anderen etwas unternimmt, offen auf andere zugeht, lacht und Spaß hat.

Ab und zu hatte aber auch ich einige Spielkameraden die mich mochten und mit denen ich durchaus Spaß hatte. Keine Ahnung warum es mit denen besser ging als mit den meisten Kindern. Heute würde ich vermuten daß sie ähnlich tickten wie ich, auf jeden fall waren sie auch alle irgendwie anders. Leider hab ich das Pech gehabt daß ausgerechnet diese später auf andere Schulen kamen oder wegzogen.

Ich habe mich bis ins Erwachsenenleben mit dieser tiefen inneren Traurigkeit weil ich keine Freunde habe und sich niemand so recht mit mir abgeben wollte durchgeschlagen. Ich war einfach anders, habe Dinge anders gelöst und interessierte mich für andere Dinge als alle anderen. Als ich von meinen Eltern wegzog habe ich das erste Mal gemerkt daß ich mir die Menschen um mich herum vorher nie alleine aussuchen konnte. Immer wurde ich in Gruppen „gesteckt“ wie Kindergarten oder die Schulklasse oder es wurde von mir irgendwie erwartet mit Kindern klarzukommen weil es Kinder von den Freunden der Eltern waren, Nachbarskinder oder so. Nie vorher hatte ich ohne daß jemand dabei war mir meinen Freunde selber aussuchen können. Das änderte sich als Erwachsener schnell. Ich hatte meinen eigenen Computer in meiner eigenen Wohnung und habe viele Nächte damit verbracht mich endlich in Ruhe mit den Themen zu beschäftigen die mich so sehr interessierten. In Foren zu meinen Spezialinteressen fand ich dann erstmalig auch Menschen die irgendwie toll waren. Menschen die mich sogar mochten ohne daß ich mich verstellt habe um zu sein wie sie. So habe ich Stück für Stück ganz tolle Freunde gefunden. Alle sind sie irgendwie anders. Mein allerbester Freund ist inzwischen mein Ehemann und wir haben zusammen eine Tochter und ich habe inzwischen meine eigene kleine Ergotherapiepraxis in denen ich Menschen im Alltag helfe die nicht so ganz klar kommen mit ihrer Andersartigkeit.

Vor ein paar Jahren entdeckten wir, daß unsere Andersartigkeit einen Namen hat. Autismus. Das klingt total blöd und doof und so wie ich mir Autisten vorstellte war ich doch gar nicht. Im Fernsehen sind Autisten immer total doof und bekloppt. Heute weiß ich daß das gar nicht stimmt und Autisten gar nicht so sind wie die die man immer im Fernsehen sieht. Es sind meist die Menschen mit denen ich mich von ganz alleine wie automatisch gut verstehe. Es sind die tollsten und spannendsten Menschen die ich jemals kennengelernt habe.

Es sind oft die Menschen die verrückte Dinge tun, die die Dinge anders machen als andere und oft sogar viel erfolgreicher, die die immer ehrlich sind und sagen was sie meinen. Alle die ich persönlich kenne kommen ganz gut klar im Leben, seitdem sie wissen wie sie so ticken und etwas auf sich Acht geben. Ich kenne Punks, Klassikliebhaber, Wanderer, Comiczeichner, Computerspielerfinder, Maschinenreparierer, Menschenreparierer, Chemiker, DJs, Kindergärtner, Lehrer, Architekten, Künstler, Journalisten, Schauspieler, Musiker, Fotografen, Firmenbosse und sie sind alle Autisten!

Ich hatte übrigens neulich Klassentreffen. Meine ehemaligen doofen Klassenkameraden wissen heute nichtmal mehr wer ich damals war, erkennen mich nichtmal auf alten Klassenfotos. Sie finden es aber toll was ich alles im Leben geschafft habe und sind ein kleines bißchen neidisch, denn so ein richtig gutes Leben führen sie selber nicht. Ich bin froh, daß ich inzwischen mit tolleren Menschen zu tun habe die mich garantiert nie vergessen werden.

Also hey, was soll daran nochmal peinlich sein etwas anders zu ticken?

Wenn ich mir selber als 10 jährige nochmal einen Rat geben sollte wäre es folgender:

Höre auf so sein zu wollen wie die anderen und schau genauer hin wie du eigentlich bist. Dinge anders zu machen und anders zu sein muß nichts schlechtes sein sondern es kann dir auch helfen mit allem klarzukommen und später vielleicht total coole Dinge machen zu können. Nimm dir Pausen und kleine Auszeiten im Alltag wann immer du mal Pausen brauchst. Ja und schau genau hin wer dich wirklich mag und an deiner Seite steht. Stecke deine Energie nicht in die Freunde die angeblich am tollsten und beliebtesten sind, sondern in die die dich so mögen wie du bist und die zu dir passen. Oft sind diese Menschen schon längst da, aber oft machen auch sie sich unsichtbar und man muß genau hinschauen um sie zu entdecken. Es sind Kinder mit denen „man“ nicht spielt, Sonderlinge, stille Kinder die vielleicht in der Ecke stehen und heimlich nur die anderen beobachten. Vielleicht sind das ja auch so richtig coole Kinder, vielleicht welche wie du!

Hui, das war ja doch ganz schön viel.

Fühl dich mal unbekannterweise ganz lieb gegrüßt von mir,

Frau Anders

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2 Kommentare zu “Brief an einen Autisten

  1. […] Brief an einen Autisten | Andersfamilie […]

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  2. Hallo!
    Mein Name ist Stephanie Probst, ich bin Journalistin und recherchiere derzeit zum Thema Autismus. Da ich leider keine Kontaktinfos auf Ihrem Blog finde, würde ich gerne auf diesem Weg mit ihnen Kontakt aufnehmen.
    Ich würde mich freuen, wenn Sie mir eine kurze Anfrage beantworten können, die mit diesem Text zu tun hat.
    Liebe Grüße
    Stephanie Probst
    stephanie.probst@gmx.net

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