Das Wort zum So…ähm Donnerstag

Heute ist wieder so ein Tag. Ein Tag an dem ich schrecklich „autistisch“ bin und ein Tag an dem ich mich immer wieder frage wie mir das 35 Jahre lang nicht auffallen konnte. War ich 35 Jahre lang blind oder war ich tatsächlich bis vor einem Jahr noch nicht so autistisch wie jetzt wo ich es weiß?

Ich bin ja für viele Dinge die meine Person angehen durchaus sehr blind, aber irgendwie glaube ich daß es etwas anderes ist als reine Blindheit. Ich grüble noch was es ist und komm nicht so recht drauf. Aber irgendwie war ich glaub ich früher wirklich anders. Irgendwie normaler. Ich habe nicht zusammengezuckt wenn mich mein fremder Sitznachbar berührt, mich hat Gemurmel in einem Raum nicht so sehr gestört, ich habe nicht ne halbe Stunde vor Terminen im Auto ins leere gestarrt um meine Gedanken zusammenzuhalten und habe nicht jeden Tag, jede Stunde um das nicht durchbrennen meiner Hirnverbindungen gekämpft.

Ja wer war ich denn vorher und wer bin ich denn jetzt? Böse Zungen könnten behaupten ich rede mir das Autist sein einfach nur zu sehr ein, daß ich es nun auch richtig lebe und daher auch autistischer wirke. Daß ich mir all das nur annehme wie ein Schauspieler der eine tolle Rolle gefunden hat die er jetzt erfüllt. Aber das stimmt nicht. Es ist eher soetwas wie andersherum. Ich habe mir 35 Jahre erfolgreich eingeredet normal und wie alle anderen zu sein. Ich bin so sehr in meiner schauspielerischen Rolle eines normalen Menschen aufgegangen daß ich sie einfach 24/7 gelebt habe und auch selber geglaubt habe. Jeder hat es geglaubt und wenn es mal nicht perfekt genug war, wurde es abgetan mit „sie ist ja sowieso immer etwas eigen“. Das alles ging übrigens sehr zu Lasten meiner seelischen Gesundheit. Die hat 35 Jahre lang enorm gelitten und ich finde es grenzt schier an ein Wunder daß ich heute überhaupt noch lebe und überhaupt noch irgendwas an mir gutfinden kann. Diese seelische Gesundheit ist seit der Erkenntnis daß ich Autist bin durchaus stabiler, obwohl ich so schrecklich viel verwirrendes täglich zu denken habe. Irgendwie fühlt es sich gut und passend an. Trotzdem bleiben diese vielen Fragezeichen. Es ist als hätte ich plötzlich meine geliebte Maske abgeworfen ohne zu wissen was da drunter steckt. Meine Maske die mir Schutz und Sicherheit gab. Meine Maske die unwillkürlich einen bestimmten Text, Lebensablauf und Verhaltenskodex von mir forderte.

Tja, hin ist sie die Maske. Der letzte Vorhang ist gefallen und die Vorstellung ist jetzt aus. Nun stehe ich da wie ein Schauspieler nach seinem Stück und starre in die Leere. Ich frage mich, wer steht da eigentlich noch auf der inzwischen nicht mehr beleuchteten Bühne und warum sind da plötzlich keine Menschen mehr die mir zujubeln was ich alles tolles leisten kann, Menschen die meine Rolle lieben und mir Rosen zuwerfen? Ich stehe nackig auf dieser leeren dunklen Bühne und fühle das erste Mal wie sich das „Ich“ eigentlich anfühlt und daß bis eben alles falsch war. Ich fühle mich frei, aber ich fühle mich auch schutzlos und verletzlich. Alles was jetzt auf mich einströmt ist neu, ungewohnt, überfordert mich und macht mir Angst. Jetzt bin ich autistisch, jetzt bin ich endlich ich.

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Ein Kommentar zu “Das Wort zum So…ähm Donnerstag

  1. apfelbub sagt:

    Ich habe früher Menschen imitiert bzw kopiert. Bekannte Personen wie Sänger zB, oder Schauspieler. Gelernt, wie sie zu reden, sich zu bewegen, mich mit deren Besonderheiten angefreundet, optisch möglichst nah ran. Wollte wohl nicht ICH sein. Keine Ahnung, warum. Reflex wegen der Ausgrenzung in der Gesellschaft? Wäre widersprüchlich, da ich das alleine sein total mag. Der fehlende Druck einer Freundschaft macht es erträglich. Ich könnte nicht eng mit jemandem befreundet sein. Trotzdem: ich muss ein Ventil gesucht haben mit alledem. Mein Psychologe meinte mal, das könne mit dem Mißbrauch zusammenhängen. Dass ich einen Ausstieg suchte ohne mich selbst zu verletzen.. Irgendwann stand ich aber nackt vor dem Spiegel und erkannte mich. Von hier auf jetzt. Ob das von irgendwas ausgelöst wurde, keine Ahnung. Seither sehe ich mich anders. (hach, lustiges Wortspiel, Frau Anders *g*)

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