Vom Kinderkriegen und -haben (Teil 1)

Irgendwann habe ich mir mal vorgenommen über etwas zu schreiben, worüber doch eher wenige berichten. Wie ist es eigentlich so für einen Autisten schwanger zu sein und wie ist das so mit dem Kinderkriegen? Ich kann natürlich nur von meiner Sichtweise aus berichten. Zusammenfassend kann ich schon mal vorrausschicken, daß ich sowas ganz bestimmt nicht freiwillig nochmal mache. Das Kinderhaben ist bei allen Anstrengungen doch irgendwie etwas schönes und faszinierendes und bringt mich jeden Tag ein Stückchen weiter ins Leben, obwohl es mir jeden Tag gehörig Lebenskraft abzapft. Aber das Kinderkriegen? Also das hab ich mir anders vorgestellt. Ich habe damals dazu auch viel gebloggt, natürlich nicht in dem Wissen daß ich irgendwie anders ticke. Falls es jemand lesen mag, schreibt mich nur an. Nun aber mal rückblickend aus der heutigen Perspektive.

Los geht es ja mit der Schwangerschaft an sich. Ich rede immer davon daß ich wenig Probleme hatte, aber wenn ich so recht zurückdenke stimmt das nicht. Ich hatte vielleicht nicht die berühmte Kotzeritis, ich hab auch keine komischen Essensgelüste entwickelt und bis auf ein paar hormonelle Aussetzer die mich entgegen meiner Art ständig zum heulen gebracht haben war ich wohl halbwegs verträglich. Aber ich bin völlig hilflos und unvorbereitet in ein schreckliches System von Kinderindustrie eingetreten und habe eine Schwelle zu einer neuen Welt betreten -die der Eltern. Diese komischen Menschen über die ich vorher nie ein gutes Wort hatte und heute würde ich behaupten daß ich sie niemals zuvor irgendwo so richtig gesehen habe. Aber seit meiner Schwangerschaft sehe ich überall nur noch Eltern. Eltern und Menschen die mir sagen wollen was ich zu tun und zu lassen habe. Ganz schreckliches Völkchen. Ich lernte in meiner Schwangerschaft alles über Babyernährung, Geburtstechniken, Entwicklungsstadien, Windelarten usw. und wer Autisten kennt weiß wie arg und tiefgehend man sich in jedem der einzelnen Themen im Sinne eines neuerweckten Spezialinteresses verlieren kann. Gucke ich mir heute noch meine 5 Millionen Linklisten aus der Zeit an, war ich wohl ganz schön bekloppt drauf was die Informationssammlung und Wissensanhäufung anging. Sehr zum Leidwesen meines Mannes, der das tapfer und stoisch ertragen hat und mir braverweise vorgelogen hat, daß ich ja gaaaar nicht schlimm seie. Ich glaube aber daß ich sehrwohl megaschlimm war. Vielleicht gab es schlimmere wie die Mädels die ich online kennenlernte die sich immer Gedichte á la sind so kleine Hände gegenseitig zuschickten um gemeinsam darüber zu heulen. Nein, sowas blieb mir zum Glück erspart. Dennoch nahm das Nachwuchsthema sehr viel Raum ein zum dem ich Dank Beschäftigungsverbot und frühem Sofazwang ob eines lockeren Beckens mit todesartigen Schmerzen auch ziemlich viel Zeit hatte zum drüber nachdenken. Aber vielleicht gehört das auch ein bißchen dazu, sich schon mal vorab mit seiner neuen Lebensaufgabe irgendwie anzufreunden. Was ich als eher unangenehm empfand waren die ewigen Frauenarztbesuche, das belabert werden nicht noch diesen oder jenen Extratest machen zu lassen wegen der Behinderungen, die Panikmache und das Mitschwingen von man müsse ja nun auch mal Verantwortung übernehmen und so. Ich mußte Hebammencastings mit Kreidefreßstimmensäuselesoterikhebammen über mich ergehen lassen (ich bin sehr wählerisch was fremde Menschen in meiner Wohnung angeht, daher nehme ich nicht die erstbeste), war Stammgast bei der Akkupunktur (aua!!! das war die Hölle. Würd ich nieeee wieder machen), beim Frauenarzt (lernte wirklich alle Ärzte der Großpraxis  dort intimer kennen, örgs), mußte in Geburtsvorbereitungskurse, mich mit anderen werdenen Eltern treffen und und, und. Und das alles mit ständig diesen Weichspülmenschen um mich herum die mit mir zusammen das neue Leben begrüßen und zelebrieren wollten. Das war die Hölle auf Erden, die ich wahrscheinlich nur ob der tollen körpereigenen Drogen halbwegs ertrug. Aber ich ahnte zu dem Zeitpunkt nicht, daß all das was in der Schwangerschaft geschah rein gar nichts war gegen das was da noch kommen sollte….

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