Bekomme ich jetzt eigentlich auch ein Aspiediplom?

Ich habe mich superlange vor der Wahrheit gedrückt und vorgestern habe ich es dann doch getan. Ich gehörte ja nicht umsonst jahrelang zum psychotherapeutischen Team einer Klinik die sich auch auf ASS spezialisiert hat und habe die schweineteuren Tests zur Diagnostik und so noch hier liegen. Irgendwie hat ja alles im Leben mal Sinn glaube ich langsam. Diese habe ich nun endlich mal rausgekramt und mich in tagelanger Kleinarbeit drangemacht. Eigentlich nur, um bestätigt zu bekommen daß meine ganzen sehr vielen sehr aspergeruntypischen Fähigkeiten, den aspergertypischen Dingen die ich habe entgegengesetzt ausreichen würden um niemals jemals auch nur eine Diagnose zu bekommen. Tja, falsch gedacht. Ich habe die Bögen wirklich superehrlich ausgefüllt und wenn ich gezweifelt habe eher in die neurotypische Richtung geantwortet und ich schrappe mit meinen Ergebnissen nichtmal ansatzweise in einem Grenzbereich zur Norm, sondern hab volle Lotte autistischen Ausschlag. Habe dann natürlich noch einige andere amerikanische Tests gemacht und danach alles was die Testbatterie im Internet so zu bieten hat. Das Ergebnis wurde aber nicht anders. Das ist echt krass!!! Das kann doch gar nicht sein? Fast alles was man so von Aspergern sagt, habe ich doch gar nicht. Ich rede zB. ständig in Bildern, Floskeln, in unsäglich langen Sätzen mit unsinnigen Füllworten und ausgeschmückten Worten (das merkt ihr sicher auch beim lesen. Ich kann natürlich auch super „aspianisch“ sprechen und schreiben, also so ganz klar und ohne Ausschmückungen, aber hier bin ich ich und mag so schreiben wie es aus mir herauskommt ohne Rücksicht auf eventuelle Mitleser. Also falls etwas nicht klar sein sollte, einfach nachfragen). Ich kann Gefühle und Gedanken anderer Menschen nur vom angucken nicht nur „lesen“, ich sehe durch jeden Fremden hindurch wie durch ein Stück Glas. Ich weiß was sie denken, was sie fühlen, was sie grade beschäftigt und was sie von mir erwarten. Das ist allerdings eher eine Last als irgendwie angenehm. Ich kriege all das jederzeit ungefiltert aufgedrückt, ob ich es will oder nicht.

Reichen nicht schon alleine diese beiden Sachen aus, kein Asperger zu sein? Anscheinend nicht.

Ich glaube ich muss erstmal ein paar Tage denken und diese neue Information in meine Hirnwindungen und erlebten Dinge im Leben einsortieren. Vor allem sollte ich auch darüber nachdenken, ob mir diese Info jetzt einfach für mein Leben und meine Sicht auf mich ausreicht, ich mich einfach nun irgendwann Aspie nenne und es mir am Arsch vorbeigehen lasse daß die meisten Asperger einen ohne fixe Diagnose nicht ernstzunehmen scheinen, oder ob ich wieder eine unangenehme Situation auf mich nehme, indem ich mich an ein AS-Zentrum wende zur Diagnostik, mich vor einem wildfremden Menschen innerlich nackig mache und all das was ich getan und ausgefüllt habe nochmal tun muß um dann evtl. hinterher mein „Aspiediplom“ in Form einer niedergeschriebenen Diagnose zu haben. Wenn soetwas auf meinem Wohnzimmersofa geschehen könnte, wäre das ja okay. Aber ich schaff das ja sicher nichtmal, da überhaupt anzurufen. Das würde allerdings einigen anderen, die das niemals glauben würden daß mit mir was nicht stimmt den Wind aus den Segeln nehmen. Klingt ja irgendwie offizieller und man zweifelt es sicher weniger an. Mich würde auch mal interessieren, was meine Eltern dazu sagen. Die reden zwar den lieben langen Tag davon wie anders und seltsam ich schon immer gewesen bin, fragt man sie allerdings direkt bin ich der normalste und gesündeste Mensch der Welt.

Aber dieses Wissen wie ich so ticke und der passende Name dazu  ist ja für mich keine Krankheit oder so, sondern einfach nur eine Hilfe zu kapieren wie ich so bin und Dinge die ich anders tue und über die ich mich oft nur gewundert habe für mich besser einsortieren zu können. Also eigentlich ist das schon irgendwie was sehr privates, was dann auch nur mir gehören sollte.

Naja, ich geh mal ne Runde denken….

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9 Kommentare zu “Bekomme ich jetzt eigentlich auch ein Aspiediplom?

  1. Anita sagt:

    Tja, wenn es Dir hilft, dann geh den Weg der Diagnostik.

    Es ist ein weiter Weg. Das weißt Du.
    Ich weiß nicht, ob ich für mich diesen Weg gehen kann oder unterwegs einfach anhalten werde.

    Wo ich mir sicher bin, dass der Autismus unserer Kinder nicht „vom Himmel gefallen ist“. Also mein Mann und ich, beide, etwas mitgeliefert haben bei der Zeugung. Seit ich mir zugestehe, dass ich autistisch sein „könnte“, geht es mir besser. Es erklärt auch die Kommunikationsprobleme innerhalb unserer Familie.
    Wir sprechen unterschiedliche Dialekte von Aspergisch. Alle sechs. Dieses Wissen muss man aber erst mal zulassen (lernen).

    Und der Rest der Familie (Geschwister der Eltern und Großeltern), tja man lernt, dass diese für das Modell unseres Familienkernes nicht ein solches Gewicht bekommen dürfen (sollen) wie diese es gerne hätten.

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    • Frau Anders sagt:

      Ganz ehrlich? Inzwischen denke ich, daß ich mir zu 100% sicher bin und dazu keinen Fachidioten mehr brauche um Gewissheit zu haben. Mir nützt eine Diagnose auf Papier nichts und daher weiß ich nicht, wozu ich das bräuchte. Ich bin selber durch meine bisherige Berufserfahung und mein jahrelanges Spezialthema „vom Fach“ genug um das auch für mich ganz objektiv beurteilen zu können. Ich hab einfach nur jahrelang vergessen auf mich zu gucken, statt auf all die anderen um mich herum. Jetzt wo ich hingucke, ist es eigentlich glasklar. Heute frage ich mich auch immer noch, wie das eigentlich passieren konnte mit dieser Eigenblindheit. Die gabs auch schon in diversen anderen Fällen.

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  2. Forscher sagt:

    Kannte bisher nur Einzelfälle, wo es umgekehrt ist, wo eine Autistin Psychologie studiert, aber nicht durch das Studium/Beruf erkennt, dass sie Autistin ist (interessanterweise kenne ich keine autistischen Psychologen/Therapeuten).

    Dein Beitrag macht mich schon etwas nachdenklich. Die Frage ist auch, was sich nach einer Diagnose ändert, da es ein riesiges Spektrum ist, und keine Universaltherapie/Umgangsweise damit.

    Wenn man dagegen konkret sagt, wo man Probleme hat, und diese spezifisch angeht, unabhängig davon unter welchem Oberbegriff sich die Probleme aufsummieren, dann hilft das vielleicht am gezieltesten? Wie siehst Du das als Expertin in Deinem Fach? Auch im Hinblick darauf, dass es manchmal Überlappungen gibt. Soll man jemand anders behandeln, nur weil er eine ADS-Diagnose hat und nicht Autismus, aber z.B. beide unter Informationsüberflutung leiden?

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    • Frau Anders sagt:

      Ja, genauso arbeite ich auch. Klientenzentriert nennt man das bei uns. Ich als Ergotherapeut behandle immer nur das was jemandem an der Bewältigung seines Alltags Probleme bereitet und was er mir davon preis gibt. Da ist mir die Diagnose an sich erstmal relativ egal. Die brauche ich nur für meinen fachlichen Hintergrund aus dem ich schöpfe, um evtl. die ein oder andere Besonderheit im neurologischen lernen oder dem Umbau von Gewohnheiten berücksichtigen zu können. Aber es gibt keien Schema F Behandlung für Autisten und ein Schema soundso für ADHSler. Es gibt nun mal verdammt viele Krankheitsbilder die mit einer anderen Wahrnehmung einhergehen. Eine andere Wahnehmung als die Masse zu haben ist in meinen Augen erstmal per se nicht krankhaft sondern für mich fast schon normal, weil ich täglich so extrem vielen Menschen damit begegne. Ich sag immer: Zeig mir jemanden ohne Wahnehmungsstörungen. Ich hab noch keinen gefunden.
      Therapie heißt für mich in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe. Ich habe einen großen Fundus an fachlichem, Ideen, kuriosen Lösungsstrategien und Erfahrungen zu diversen Alltagsproblemen und kann für jeden Patienten individuell etwas nach seinem Typus anbieten was ihm helfen könnte, etwas was er schaffen möchte zu bewältigen. Das bedeutet aber auch viel Zeit am Anfang zur Erhebung dessen was dem Patienten wichtig ist und in welchem Umfeld er lebt. Es ist nicht wichtig, was ich als Therapeut für den Menschen mal erreichen möchte sondern was ihn stört oder was er verbessert haben will. Das ist nicht immer das selbe was ich mir vorstelle und es ist nicht immer einfach, ihm meine Ideen nicht einfach überzustülpen. Der Patient erteilt mir sozusagen den Auftrag und ich frage kurz nach und denke mir dann was aus, wie man das am schlauesten erreichen könnte. Nicht: der Patient kommt mir Diagnose XYZ und ich behandle das Krankheitsbild nach Formblatt XYZ

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      • Anita sagt:

        Zitat: „Das bedeutet aber auch viel Zeit am Anfang zur Erhebung dessen was dem Patienten wichtig ist und in welchem Umfeld er lebt. “

        dann bist Du aber eine rühmliche Ausnahme.

        Fast alle, die ich in diesem Bereich kennengelernt habe, mussten erst darauf hingewiesen werden.

        Viele, die im Bereich der Psyche arbeiten und therapieren, vergessen oder ignorieren, dass Vertrauen und Wissen über die Person das Wichtigste überhaupt ist.

        Und was ich besonders schlimm finde, dass gerade dann (so ca. nach 2 Jahren) wenn endlich das Vertrauen da ist, eine Therapie abgebrochen/beendet wird, weil sonst die Therapeuten „Teil des System, der Person“ würden. 🙄

        Aber wie sagte mir mal ein Therapeute

        „Sie haben eine grundsätzlich falsche Idee von Therapie“

        und ich grübel heute noch über dem Satz. Haben die evtl. Recht und ich bin therapieunfähig oder erwarte ich zu viel, oder ist unser / mein Problem zu komplex??????????

        Ich verstehe es bis heute noch nicht. *seufz*

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      • Frau Anders sagt:

        Therapieunfähig gibt es glaub ich nicht, maximal kein Interesse an Therapie. Dann wäre zu klären warum. Stimmt das Patient-Therapeutenverhältnis nicht, ist die Therapie langweilig oder gefällt sie einem inhaltlich nicht, dann braucht es dringend ein Gespräch mit dem Therapeuten darüber oder am besten gleich einen Therapeutenwechsel. Ich bin immer sehr glücklich auch über negative Rückmeldungen oder über ein offenes Wort. Nicht jeder kommt mit mir als Person klar, aber es gibt nichts blöderes als wenn mir das niemand sagt und ich mich immer nur wundere warum ich Widerwillen spüre und wir in der Therapie nicht vorankommen. Manchmal gibt es auch einfach keine nennenswerten Schwierigkeiten die einen sehr belasten usw. Dann ist auch keine Therapie nötig. Ich sag immer, wenn ein Problem einem an seiner eigenen Lebensführung behindert, dann sollte man was dagegen tun. Wenn es zwar doof ist, aber händelbar und ich nicht jeden Tag deshalb in tiefe Depressionen versinke geht es auch locker ohne. Das hängt stark vom eigenen Empfinden des Patienten ab. Das können körperliche Gebrechen sein, wie auch psychische.
        Aber Therapie ist auch kein Heilungsladen in den man mit seinen Problemen geht und ein anderer repariert das dann dann für dich. Niemand kann dir dein Leben verbessern, außer du selber. Und wie ich aus eigenen Erfahrungen weiß ist das verdammt schwer und oftmals unbequem. Das packt auch nicht jeder. Aber es gibt Menschen, die dich dabei professionell begleiten können und dir Wege aufzeigen können, die du selber vielleicht grade nicht sehen kannst. Das ist für mich Therapie. Und einen Patienten mit unerklärten Floskeln so stehen zu lassen zeugt in meinen Augen nicht von der besonderen Qualität deines Therapeuten. (Außer er ist ein echt fieser, der damit hinterrücks irgendetwas tolles bei dir erreichen will). Ein guter und zu dir passender Therapeut ist der, dem du in den ersten Stunden schon vertraust. Einfach so, weil die Chemie stimmt. Es ist einer, der dir immer sagt was er tut und der dir hilft deine Erkrankung zu verstehen. Mir sagte mal ein toller Therapeut auf einer Fortbildung: Lehre den Patienten zum Meister seiner Krankheit zu werden. Er soll alles darüber wissen und wissen wie er was gezielt manipulieren und verändern kann. So jemand wünschte auch ich mir manchmal. Den zu finden, ist wahrhaft nicht einfach. Aber es lohnt sich, sich auf die Suche zu machen.

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  3. Anita sagt:

    Zitat: „Lehre den Patienten zum Meister seiner Krankheit zu werden. Er soll alles darüber wissen und wissen wie er was gezielt manipulieren und verändern kann.“

    ja, dass ist ein guter Satz.

    Bei uns läuft es derzeit aber so, dass ich die „Autismus-Fachkraft“ für alle Kinder sein soll und für vier Kinder den Therapeuten geben soll, 24/7 und gleichzeitig den Alltag händeln soll (mit meinen eigenen Unzulänglichkeiten), sowie meinem Mann vermitteln soll, wie er etwas an den Kommunikationsproblemen verändern kann……………

    Und nein, dass kann ich nicht.

    Ich komme mir vor wie Sysiphus aus der Sage……… 🙄

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  4. Mechthild sagt:

    Ich habe aber auch Bedenken vor der Diagnose. Da ich selbst im medizinischen Bereich arbeite, weiß ich, was passiert, wenn ein Mensch eine „P-Diagnose“ bekommt. Dann ist ein Stempel drauf- und dieser Mensch kann an Experten verwiesen werden (und wird oft weniger ernst genommen). Und für „die anderen“ hat sich das damit erledigt. Wenn du Glück hast, wollen sie dir „trotzdem“ helfen, wenn du Pech hast, wird alles abgewimmelt!
    Und ob du im medizinischen Betrieb mit einer „P-Diagnose“ (egal ob Depression oder Asperger oder was auch immer) eine Stelle bekommst, ist auch fraglich!

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  5. Forscher sagt:

    „Lehre den Patienten zum Meister seiner Krankheit zu werden. Er soll alles darüber wissen und wissen wie er was gezielt manipulieren und verändern kann. “

    Ein schönes Statement, gilt auch für die Psychotherapie. Dauerhaft kann man sich die auch nicht leisten.

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